"Kultur macht glücklich"


Ada Borkenhagen „Bin ich schön genug?“ 

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Ada Borkenhagen „Bin ich schön genug?“ 

©J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im Land?“ Schon in Grimms Märchen spielt die Schönheit eine große Rolle. Quer durch die Kunstgeschichte recherchiert Ada Borkenhagen, was Schönheit…

ist und überrascht dabei mit einer interessanten These. Jeder kann schön sein. Früher war Schönheit eine angeborene, natürliche Gabe. Sie war bestimmt von der Harmonie symmetrischer Gesichtszüge und einer aufrechten Haltung. Das figürliche Ideal unterschied sich je nach epochalem Geschmack, knabenhaft schlank wie ein Kind im Mittelalter, mit fulminanten Kurven im Barock, mädchenhaft und etwas wild in der Romantik. Die Mode unterstrich diese Schönheitsideale. Immer wieder taucht das „Sanduhrmodell“ mit schmaler Taille und betonter Oberweite und Hüfte auf. Die Geschichte der Mode und der Körperrasur liefen parallel. Je mehr Haut zu sehen war, desto intensiver wurden Achsel, Beine und Intimzone rasiert. 

Die große Wende brachten aber die fotografischen Bildbearbeitungsprogramme und die medizinischen Eingriffe im 21. Jahrhundert. „Schönheit wurde machbar.“ Durch die Selfie-Kultur entstand ein ungeheurer Druck, so schön zu sein wie die anderen nach dem Vorbild von Influencerinnen. In unserer leistungsoptimierten Gesellschaft wurde Schönheit ein wesentlicher Teil der eigenen Profilbildung. Sie liegt ganz in der Verantwortung des Einzelnen. 

Jeder kann schön sein, aber das erfordert harte Arbeit an sich selbst, einen langen und auch ein kostspieligen Prozess, so Borkenhagen. Sie beurteilt nicht, sondern beschreibt nur die sozialen Auswirkungen. Auf junge, aber auch auf ältere Frauen wird ein ungewöhnlich starker Druck ausgeübt, den herrschenden Schönheitsvorstellungen zu entsprechen. Man jagt Schönheitsidealen hinterher, die es im Grunde gar nicht gibt, sondern nur als technisch bearbeitete Bilder. Bezüglich Schönheitsoperationen steht Deutschland nach den USA, Mexiko und Brasilien bereits an vierter Stelle. 

Borkenhagen bewertet all diese Maßnahmen nicht, hinterfragt vielmehr aus psychoanalytischer Sicht, was diese Schönheitspraktiken mit uns machen. Wer nur noch an seine Schönheit denkt, ist nie zufrieden. Es ergeben sich dysmorphe Störungen, die zur Magersucht und zur Sucht von Schönheitsoperationen führen können. Gegenreaktionen wie die „Body- Positivity-“ und  „Body-Neutrality“-Bewegung zeigen letztendlich keine nachhaltige Wirkung, zumal nur wenige dem Sog der Simulation im Vorfeld, schöner werden zu können, widerstehen. 

Gleichzeitig stößt Borkenhagen Überlegungen an, wie man ohne große Eingriffe durch langjährige physische Achtsamkeit, durch adäquate Ernährung und sportliche Aktivitäten eine natürlich schöne Aura bis ins Alter erhält. 

„Bin ich schön genug?“ ist eine unterhaltsame Lektüre, die allerdings sehr an der Oberfläche bleibt, ohne die Uniformierung des derzeitigen Schönheitsideals und die gesellschaftlichen Prozesse der optischen Orientalisierung und der extremen Reduzierung der Frau auf sexuelle Signalwirkung zu reflektieren. 

Ada Borkenhagen: Bin ich schön genug? Schönheitswahn und Body Modification, J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2025, 124 S.