©Michaela Schabel
Im Spannungsfeld von Kunst und Natur, Ost und West, Hell und Dunkel gelingt in der Berliner Galerie Schmalfuss…
eine ganz besondere Ausstellung, in der sich durch Gegensätze zweier sehr unterschiedlicher Künstler unerwartete Gemeinsamkeiten offerieren, indem sie eine Sache „von beiden Seiten“ betrachten.
Der eine, Hans-Hendrick Grimmling, 1947 in der ehemaligen DDR geboren, seit 1986 in West-Berlin, zeigt vorwiegend großformatige Arbeiten in seiner gestisch expressiven Malweise. Im Osten durfte er zwar seine Bilder zeigen, aber spätestens am zweiten Tag, wurden seine Ausstellungen geschlossen, weil seine Bilder nicht der Vorstellung des sozialistischen Realismus entsprachen.
Hand und Fuß, Kopf und Auge, Rabe und Kreuz werden in Grimmlings Schwarz-Weiß-Arbeiten zu zeitlosen Metaphern, in denen die Welt aus der Sicht des „Sehers“ bzw. des Raben betrachtet wird, wobei die politische Vergangenheit stark mitschwingt, sich mit den Unwägbarkeiten der Zukunft vermischt und sich viele Narrative assoziieren lassen. Der „Seher“ muss sich hinter der Hand verstecken, ist ständig durch Angriffe gefährdet. In „Selbst-Betrachtung“ provoziert Grimmling zum Rollenspiel, selbst ein Rabe zu sein, der das ganze Weltgeschehen aus beiden Seiten im Blick hat. In zackiger Formensprache wird „Bedingtes Aufbegehren“ spürbar, zwei dieser Motive im Großformat kombiniert mit dem „Großen Seher“ verwandeln sich in ein energetisches Triptychon, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fusionieren und die Wiederholbarkeit politischer Prozesse widerspiegeln. In diesem Kontext wird Grimmlings kleinformatiger „Totenkopf“ gebettet in starke Hände zum Mahnmal.
Ganz neue Facetten entstehen durch florale Motive in leuchtenden Farben. Rot flammt „Im Dickicht Hoffnung“ auf. Knallrot mit giftgrünen Stängeln wird im Stillleben mit Blumen aus der Serie „Februar/März“ vor intensiv rotem Hintergrund nicht Frühling, sondern Kriegsstimmung fühlbar. Im grün strukturierten Blumenfeld verwandelt sich das Rot der Blüten in ein „Widerständiges Blühen“ und in den Blumen-„Bouquets“ versteckt Grimmling Waffen.
Auch in Reinhard Feschareks Arbeiten sind flammende Zerstörungen sichtbar. 1956, Saarbrücken geboren, zunächst in Frankreich dann in Westafrika praktizierender Arzt konzentrierte er sich seit dem Ende seiner Tätigkeit in leitenden Positionen internationaler pharmazeutischer Unternehmen ganz der Kunst. Seine Skulpturen aus Holz, allesamt aus Fundstücken der Umgebung oder seiner Reisen faszinieren durch haptische „Rundungen“, glatte und raue Oberflächen, naturbedingte Maserungen, die wie Zeichnungen wirken, ineinander verwobene helle und dunkle Holzstrukturen. Jedes Objekt präsentiert er auf einen farblich und thematisch passenden Steinsockel, wodurch er die Wirkung seiner figurativen Objekte reizvoll steigert. „Entdecke mich!“ nennt er eine Skulptur aus Pinienholz mit Kohlestaub überzogen, ein Appell, der für alle seine Objekte gilt, weil er beide Seiten des Holzes offeriert, die gesunde äußere Optik und das verbrannte Innenleben, was auch die starken Farbkontraste erklärt. Wie eine Blume gewährt „Feueröffnung“ den Blick in das verkohlte Innenleben einer Zypresse, während sich rundherum abgeschliffenes helles Holz wie Blütenblätter anschwiegt und der Sockel aus Tuffstein wie der Stamm wirkt. „So bin ich!“ Nicht der Künstler ist gemeint, sondern das Fundstück einer 260 Jahre alten Buche, die Fescharek zu einer wunderbar feminin abstrahierten Skulptur verwandelt. Umgekehrt provoziert eine verkohlte, mit Kohlenstaub beschichtete Büste über den Titel „Was bin ich?“ zu philosophischen Fragestellungen. Der „Deutsche Vogel“ in teilweise verkohlter Buche wird vom politischen Bekenntnis und das „Duett“ alternierend in Dunkel und Hell durch einen Kuss verbunden zur Metapher eines multikulturellen Zusammenlebens.
Man wandelt durch die großzügige Galerie, entdeckt immer neue optische und narrative Perspektiven und spürt die Energie, die von diesen Arbeiten ausgeht. „Kontragenz – auf beiden Seiten“ ist ein ganz besonderes Erlebnis zum Finale der bisherigen Räumlichkeiten. Die nächste Ausstellung präsentiert Michael Schmalfuß bereits in neuem Umfeld vis-a-vis in der Knesebeckstraße 11.
Die Ausstellung ist noch bis 29. April zu sehen.