Katharina von Harsdorf in „Ich war ein Mensch“ im kleinen Theater KAMMERSPIELE Landshut © Alvise Predieri
„Ich war ein Mensch“ in Landshut: Katharina von Harsdorf überzeugt in Sven Grunerts Inszenierung am kleinen Theater KAMMERSPIELE Landshut
Katharina Schlenders Monolog „Ich war ein Mensch“ von Regisseur Sven Grunert und Schauspielerin Katharina von Harsdorf in Landshut realisiert.
Klug gekürzt, spannend inszeniert und großartig von Katharina von Harsdorf gespielt, kommt Katharina Schlenders Monolog „Ich war ein Mensch“ im Foyer des Kleinen Theaters bestens zur Wirkung.
Was macht das Menschsein aus?
Aus der Vielfalt von Schlenders Perspektiven zwischen Erinnerung und Vermächtnis über Vergänglichkeit und Tod bis hin zur dystopischen Zukunft fokussiert Grunert konsequent auf die Kernfrage: Was macht das Menschsein aus? Dabei kristallisiert er die Zeitebenen heraus. „Ich war ein Mensch. Ich werde ein Mensch gewesen sein. Ich werde Mensch“.
Der Videoeinstieg zu Beginn spannt den Bogen zwischen verinnerlichtem Menschsein als Kontrast zum oberflächlichen Dahinleben. Ein Mann liegt im Gras und beobachtet einen Sonnenuntergang, im Hintergrund ist das angeregte Stimmengewirr einer Party zu hören, untermalt von FleewoodMac‘ „Dreams“.
Wenn das Menschsein verlorengeht
Grelles Licht im Foyer signalisiert den Szenenwechsel. Von Harsdorf, Typ Mädchenfrau, erinnert sich, als sie noch ein Mensch war. Drei Stühle auf der Bühne markieren die drei Zeitebenen. Die Zukunft und Vergangenheit sind verhüllt.
Mit pinkfarbenem Luftballon entschwindet von Harsdorf symbolisch in ihre Jugend. Ihr hübsches Video-Konterfei in unterschiedlichsten Stilrichtungen leuchtet auf und kontrastiert mit ihrer Bühnenpräsenz. In einem formlosen Kleid mit spießigem Muster, Strohhut und Webpelzstola spielt sie eine Frau, die mit ihrem Leben hadert, mitten im Publikum, auf der Bühne vor zwei Filmkameras, die ihren Gesichtsausdruck überdimensioniert projizieren. Freimütig erzählt sie von ihrem Leben als aufgeblähtes Wesen, das sich immer für etwas Besseres hielt, den Ellbogen weniger für Umarmungen als zum Kämpfen und Distanzhalten benutzte.
Mit Katharina von Harsdorf
Von Harsdorf monologisiert großartig. Sie rhythmisiert und dynamisiert die Sätze, hinterfragt das Leben dieser Frau, das wie ein Puzzle Satz um Satz offengelegt wird, während der Hintergrundsound gleichmäßig in verschiedenen Tonlagen monoton pulsiert. Dabei baut sich eine energetische Spannung auf, der das Publikum konzentriert folgt, weil der innere Kampf dieser Frau mit sich selbst jeden betrifft und die entscheidenden Fragen umkreist: „Richtete sich das Leben nach mir oder ich mich nach dem Leben?“ Wer hat Schuld, dass der Baum nur noch Holz ist, Tiere nur noch Lebensmittel, dass die Menschlichkeit, einem Menschen zu helfen, verlorengegangen ist? Was folgt daraus? „Wir sind aus der Natur entstanden und haben unseren Ast abgesägt.“
Warum ging das Menschsein verloren?
Wie konnte es dazu kommen, dass sie sich nicht mehr als Mensch fühlte, dass „das Ding“, eine Umschreibung für die Digitalisierung, alle menschlichen Kategorien überlagert und die eigene Identität fremd steuert. Im Hintergrund wird ein Modellkopf eines Avatars sichtbar, dessen neurologische Windungen in kosmische Ferne zielen. Von Harsdorf schließt die Augen und schreit ihre Bankrotterklärung hinaus: „Ich war ein Mensch!“ Noch einmal lässt „Dreams“ Lebensfreude aufkommen. Doch sofort kommt wiederholt die Warnung „Vorsicht! Das ist eine Aufnahme!“ Die Freude, Mensch zu sein, gehört schon der Vergangenheit an.
Gibt es Hoffnung?
Damit unterhöhlt diese Frauenfigur jeglichen Optimismus. Doch Grunerts Inszenierung gibt ihm Raum, indem er final das berühmte „Lacrymosa“ aus Verdis Requiem einspielt. Unmittelbar wird selbst in größter Trauer erlebbar, was Menschsein bedeutet.
Infos zu Katharina Schlenders „Ich war ein Mensch“
| Künstlerisches Team: | Regie, Bühne: | Sven Grunert |
| Licht, Technik: | Matthias Ernst Josef Samweber | |
| Requisite: | Jasmin Gran | |
| Dauer: | 60 Minuten | |
| Premiere: | Freitag, 23. Oktober 2026 |














