Maurizio Cattelan „Night“ in der Neuen Nationalgalerie © Michaela Schabel
„Maurizio Cattelan: NIGHT in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Eine kritische Besprechung der Schlüsselwerke Him, Dawn, Novecento, We und neuen Arbeiten mit Infos zu Laufzeit, Tickets und Öffnungszeiten.“
Maurizio Cattelan zeigt in seiner ersten großen Einzelausstellung in Deutschland seine Schlüsselwerke aus drei Jahrzehnten zugänglich durch ein nachgebildetes Brandenburger Tor.
Mauricio Cattelans Schlüsselwerke im voll verglasten Mies van der Rode Gebäude der Neuen Nationalgalerie Berlin ist ein Kunstevent. Seine Installationen, die auf dem ersten Blick sehr plakativ wirken, entfalten schnell eine außerordentliche und nachhaltige Tiefenwirkung.
Ein Pferd hängt erschöpft von der Decke, ein angespannter Esel verliert seine Bodenhaftung durch die Last der transportierten Waren. Ein weißer Adler liegt tot auf dem Boden. Man bleibt stehen und versteht sofort, worum es geht – um die Macht und ihre Unterdrückungsmechanismen.
Cattelans zeitlose Werke
Cattelans Installationen sind zeitlos aktuell, weil die Probleme, die er plastisch darstellt, sich immer wieder in der Geschichte der Menschheit wiederholen. „NIGHT“ ist eben nicht, wie er in einem Interview einer ihm gewidmeten Ausgabe des „ZEITmagazins“ lässig formulierte, eine „Ausstellung mit alten Hüten“, sondern eine grandiose Gratwanderung zwischen Unschuld und Macht, die historische Erinnerungen und Symbolik wieder lebendig macht, indem er sie durch subtile Eingriffe um 180 Grad dreht und damit ihren Denkmalcharakter in Frage stellt.
Veränderte Symboliken
Bestes Beispiel ist „Novecento“ (1997). Das Pferd, ursprünglich Symbol für Stärke und Wildheit, Aristokratie, Ansehen und Sieg, verwandelt sich in ein zu Tode geschundenes Arbeitstier, eine beeindruckende Szenerie für die Ausbeutung von Mensch und Tier.
IN „Bones“ liegt ein überdimensionierter Adler mit weiten Schwingen tot auf dem Boden. Schneeweiß erzählt er nicht nur von der Vergänglichkeit der Macht, sondern auch vom Daniederliegen des Friedens.
In „Him“ (2001), eines seiner berühmtesten Werke, kniet eine Jungenfigur am Boden, als bete er. In dieser Ausstellung blickt er auf „Dawn“ (2007), ein Kreuz, an dem ein Mädchen gefesselt ist, woraus sich interessante Spannung ergibt. Es ist nicht irgendein Junge, sondern Hitler, womit sich nicht nur die immerwährende Wiedergeburt diktatorischer Macht offeriert, sondern auch die toxische Symbiose mit religiöser Indoktrination und deren Unterdrückung speziell der Frauen.
Aber auch im ganz kleinen Format gelingen Cattelan Objekte von entwaffnender Eindringlichkeit: In „First“ durchbohrt ein Nagel ein Ei. Das Gewalt zerstört das Zarte von Lebensbeginn an. Doch was war zuerst da?
Andere Szenarien wie „We“ (2026) erschließen sich nicht ganz so schnell. Zwei Männer, optisch wie eineiige Zwillinge liegen in schwarzen Anzügen wie Leichen aufgebahrt auf einem Bett. Doch ihre Augen sind geöffnet und blicken in die Ferne. Die Inszenierung erzählt von der Doppelung jedes Menschen, von Außen- und Innenperspektiven, Eigen- und Fremdwahrnehmung.
Weshalb „NIGHT“?
Die Nacht ist ein Transitzustand, Zweifel, Begehrlichkeiten und Ungewissheiten tauchen auf. Träume verdichten zu optischen Symbolen und enthüllen zugleich oft das Unbewusste. Ebenso verschwinden in Cattelans Installationen durch subtile Veränderungen Gewissheiten, um neue Perspektiven zu eröffnen.
Einlass durch Brandenburger Tor
Diesen Schwebezustand signalisiert Cattelan bereits durch den Zugang zur Ausstellung über das in Holz nachgebildete Brandenburger Tor. Es steht für Krieg und Sieg, für Berlins Wiedervereinigung und Frieden. „Purgatory“, (2026), so nennt Cattelan es, ermöglicht ein Transiterlebnis von der Vergangenheit in die Gegenwart und zugleich den Weg von erreichten Lösungen zurück zu den Problemen, an denen sich die Menschheit von einer Generation zur anderen abarbeitet.
Maurice Cattelan, ein Künstler aus Zufall
Seit den 1990er Jahren zählt Maurizio Cattelan zu den einflussreichsten Künstlern der Welt. Ganz zufällig kam er mit 25 Jahren zur Kunst, als er erkannte, dass er sich durch die Kunst von der Arbeit befreien konnte. Wegen einer Liebe zog er nach Forli, einer kleinen Stadt bei Rimini. In einer Werkstatt lernte er schweißen, in einer Schreinerei den Umgang mit Holz und ein Glaser brachte ihm bei, mit Glas zu arbeiten. Cattelan begann Möbel für sich herzustellen. Sie gefielen. Er begann, sie erfolgreich zu vermarkten, wobei er die Sehnsucht in sich spürte, künstlerisch ein höheres Level zu erreichen. Aus Design wurden Kunstobjekte und Installationen. Als Künstler fühlte er sich allerdings erst als Mitkurator zur 4. Biennale in Venedig bestätigt.
Gemeinsamer Nenner seiner Werke ist ihre starke Authentizität, die Präsenz historischer Erinnerung und die fragile Grenze zwischen Unschuld und Gewalt.
Cattelans neue Werke
In den neuen Arbeiten von 2026 wie „Dust“, in der Tradition der Novecento, verwandelt Cattelan die Nützlichkeit eines Feuerlöschers in eine sich erinnernde Nachdenklichkeit, in diesem Fall an die Genesis 3:19 „denn Staub bist du und zum Staube kehrst du zurück. „After“, ein sechs Meter langes Eisenrohr, in dem ein schlafender Hund liegt“ wird in regelmäßigen Abständen angeschlagen und erklingt wie ein Glocke, wodurch die Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart, Bewegung und Ruhe, eine spirituelle Atmosphäre erzeugen.
Fazit:
Die Ausstellung sollte man sich entgehen lassen, weil die Cattelans Werke den Zustand unserer aus der Balance geworfenen Welt, vortrefflich auf den Punkt bringen und in der verglasten Halle der Neuen Nationalgalerie Berlin bestens zur Wirkung kommen.
Infos zur Ausstellung „Cattelan – Night“
Ort: | Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin
Dauer: | vom 10.September 2026 bis 07.März 2027
Öffnungszeiten: | Dienstag, Mittwoch von 10-18 Uhr
| Donnerstag von 10-18 Uhr
| Freitag, Samstag, Sonntag von 10-18 Uhr
Tickets: | regulär 16 €, ermäßigt 8,00 €
FAQs
Was zeigt die Ausstellung „NIGHT“ von Maurizio Cattelan?
Cattelan zeigt in erster große Installationen, die den Wandel von Symbolen umkreisen und damit das Verhältnis von Macht und Zerbrechlichkeit, Vergangenheit und Gegenwart kritisch thematisieren.
Welche Werke sind in der Neuen Nationalgalerie zu sehen?
Schlüsselwerke wie „Him“, „Novecento“, „Pentecost“, „Never“, „All“,, aber auch neue Werke wie „Purgatory“, „We“ oder „Dust“,
Was bedeutet Cattelans Werk Schlüssel „Him“?
Ein kleiner Junge kniet auf dem Boden, als würde er beten. Es ist Hitler, Symbol für eine Diktatur, die immer wieder nachwächst und nicht ausmerzbar ist. Kombiniert mit „Down“, einer Frau ans Kreuz geschlagen, entstehen Relationen zwischen Macht und religiöser Idealisierung und die Unterdrückung der Frauen.
Wie lange läuft die Ausstellung und was kosten die Tickets?
Bis 13. März ist „NIGHT“ in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Reguläre Tickets kosten 16 €, ermäßigt 8 €. An jedem ersten Donnerstag ist der Eintritt für die Sonderausstellungen in der Glashalle frei,














