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Die Ausstellung von Bjørn Mehlhus „Lost in Finity“ in der Betonhalle Berlin zählt zu den ungewöhnlichsten Kunstereignissen des Sommers.

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Die Ausstellung von Bjørn Mehlhus „Lost in Finity“ in der Betonhalle Berlin zählt zu den ungewöhnlichsten Kunstereignissen des Sommers.

„Lost in Finity“ Bjørn Mehlhus in der Berliner Betonhalle © Michaela Schabel 

Bjørn Mehlhus präsentiert mit „Lost in Finity“ eine eindrucksvolle Multimedia-Installation in Berlin. Ausstellungsbericht über Konzeption, Symbolik und neues Bewusstsein.

Bjørn Mehlhus entführt die Besucher:innen in seiner experimentellen Installation in die Abgründe des entgrenzten Kapitalismus. Aus altem Filmmaterial gelingt ihm der Spagat zwischen humorvoller Karikatur und tiefgründiger Symbolik, die falschen Wege des Kapitalismus in den letzten 60 Jahren in immer neuen Narrativen zu spiegeln. 

Zu diesem Mammutprojekt passt der ungewöhnliche Ausstellungsort – ein unterirdisches Krematorium, das die silent green Film Feld Forschung für die Ausstellung zur  Verfügung gestellt hat. 

Bjørn Mehlhus 

Bjørn Mehlhus (*1966), deutscher Künstler, väterlicherseits mit norwegischen Wurzeln, lebt seit 1987 in Berlin und produziert experimentelle Filme, Videos und Installationen. Dabei verwendet er Found-Footage-Material von Filmklassikern, Talkshows oder YouTube-Videos, um seine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus in immer neuen Facetten deutlich zu machen. Er selbst erscheint in verschiedensten Rollen, mal Schlumpf, mal Eule, teilweise dupliziert oder mehrfach multipliziert. 

„Lost in Finity“ in der Betonhalle Berlin

In seiner neuesten Installation „Lost in Finity“ fusioniert er eigene Filme von früher, in denen er durch Found-Footage-Material in alltäglichen und außergewöhnlichen Situationen vom Shopping bis zur Marsbesiedelung den kapitalistischen Lebensstil hinterfragt. Der Mensch glaubt religiösen Doktrinen, technologischen Zukunftsvisionen, treibt Raubbau und sehnt sich gleichzeitig nach romantischen Mondnächten. Er wird zum Konsumenten degradiert und bemerkt gar nicht, wie er durch seinen Lebensstil den Ast, auf dem er sitzt, selbst absägt. Das Versprechen der grenzenlosen Möglichkeiten verwandelt sich zunehmend in Begrenzung. Statt unendlicher Möglichkeiten erlebt der einzelne „Lost in Finity“ seine Verlorenheit in der Welt, in der die Bilder- und Informationsflut nur die Wiederholung von Stereotypen präsentiert. 

silent green Film Feld Forschung

Diese Polarisierung zwischen grenzenlosen Möglichkeiten und begrenzten Lebenswelten bewusst zu machen, verbindet Bjørn Mehlhus’ Multimedia-Kunst mit dem Leitgedanken der silent green Feld Forschung. Ihr geht nicht allein um die Analyse von Filmen, sondern auch darum, wie Künstler:innen durch ihre Kunst in Bezug auf die drängenden Fragen und Probleme der Gegenwart eine konstruktive Haltung entwickeln können. 

2016 gründeten Jörg Heitmann und Bettina Ellerkamp die gemeinnützige Gesellschaft silent green Film Feld Forschung auf dem Gelände der Betonhalle, unter der sich eine ehemalige Leichenhalle befindet. 

Hier wird das Audiovisuelle unter Laborbedingungen in seine einzelnen Bausteine zerlegt – in Bilder, Töne und Sprache – und mit neuen Inhalten wieder zusammengesetzt. Es zählt nicht nur das fertige Produkt, sondern der Entstehungsprozess. Ziel ist es, möglichst breite Bevölkerungsschichten anzusprechen. 

Wie funktioniert „Lost in Infinity“ im einstigen Krematorium? 

Die Ausstellung ist ein Erlebnis. Besucher:innen werden nicht nur mit Dunkelheit konfrontiert, sondern auch emotionalen Reaktionen ausgesetzt, wenn sie zunächst abwärts in die muffige Tiefe schreiten müssen, flankiert von vorbeihuschenden Waldgebieten. Man glaubt, einen steilen Serpentinenweg hinunterzurasen. Richtig schwindelig wird einem dabei. Der Blick in eine Kammer linker Hand erklärt das warnende Rufen: „Wake up!“ Todkrank liegt Bjørn Mehlhus als alte Frau im Bett und krampft mit Händen und Beinen. Der Tod ist nahe. Ihre Warnung kapiert jeder.

Am Ende der Serpentinenfahrt fragen fünf erwachsene Kinder in Pyjamas, alias Bjørn Mehlhus: „Are you right?“ Um die Ecke hat sich ein Ford Galaxy festgefahren, Sinnbild für den kapitalistischen Black-out.

In der großen Halle des früheren Krematoriums leuchten die Mondphasen und 26 weitere Screens. Über allem wacht eine überdimensionierte Eule, die in vielen Kulturen als weise und wachsam, aber auch als unheilvolles Omen und Todesbote gilt. In einem Video tauchen im Dickicht des Waldes immer wieder Schlümpfe, die zum Weitergehen animieren. Sie spiegeln durch ihre klassenlose Gesellschaft ohne Geld, nur für die Gemeinschaft arbeitend, eine witzige Alternativwelt zum Kapitalismus. Den verkörpert eine „Family“ über drei Generationen als Figurenaufsteller, deren Köpfe sich in regelmäßigen Abständen in Totenschädel verwandeln. Ganz mit ihren Einkaufstüten beschäftigt, bemerken sie gar nicht, wie nah der Tod ist. 

Bjørn Mehlhus – apokalyptische Entzauberung 

Angesichts der Raumfahrt ist selbst der Himmel entzaubert. Statt eines Gottes greifen Roboterhände ein und reduzieren die religiösen Botschaften von himmelwärts aufsteigenden Engeln, dem friedlich dahin laufendenLamm Gottes. 

Ein humanoider Roboter läuft in einem anderen Video wie in „The Day after“ einsam durch eine apokalyptische Vulkanlandschaft und beobachtet glitzernde Schwarmwelten als Hoffnungsträger einer neuen Evolutionsstufe.

Am Thema Mars-Eroberung floppten schon drei Filme. Bjørn Mehlhus collagiert Sequenzen von „Mission to Mars“ (2000), „Red Planet“ (2000) und „Ghosts of Mars“ (2001) mit Texten aus Ron Pisaturos Essay zur Privatisierung des Mars und Robert Zubrins Plänen zur Besiedlung als satirischen Abgesang der kapitalistischer Gier.

Man muss diese Ausstellung mehrmals auf sich wirken lassen, um alle 30 Filmsequenzen in ihren vielschichtigen optischen und akustischen Anspielungen zurück bis zu Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ zu erfassen. Eine Hilfe dabei ist das Programmheft, das alle Filme mit Bild und Titel auflistet und ganz kurz erklärt. 

Bjørn Mehlhus – Filmprogramm im Filmstudio

Innerhalb der letzten 40 Jahre hat Bjørn Mehlhus über 70 Filme, Videos und Installationen kreiert. Parallel zur Ausstellung sind im Studio des silent green 43 Arbeiten von ihm zu sehen. Die Gesamtlauflänge von 400 Minuten wurde in Themenblöcke unterteilt, die täglich in unterschiedlicher Reihenfolge gezeigt werden.

Fazit: 

Mit „Lost in Finity“ gelingt Bjørn Mehlhus eine der spannendsten Multimedia-Installationen in diesem Sommer. Seine experimentellen, gesellschaftskritischen Filmcollagen  kommt im ehemaligen Krematorium unter der Betonhalle Berlin bestens zur Wirkung und machen die Ausstellung zu außergewöhnlichen räumlichen und emotionalen Erlebnis.

Infos zur Ausstellung

Künstler:            | Bjørn Mehlhus

Ort:                    | Betonhalle, Gerichtstraße 35, 13347 Berlin

Genre:               | Multimediale Installation 

Öffnungszeiten: | Di–Fr 14–20 Uhr 

                          | Sa–So 11–20 Uhr 

Dauer:               | bis 23. August 2026    

Eintritt:              | frei

Bewertung:       | ⭐⭐⭐⭐⭐ – ein konzeptionelles, räumliches, 

                                                       und körperliches Erlebnis

FAQ

Wer ist Bjørn Mehlhus?

Bjørn Mehlhus ist ein Multi-Media-Künstler aus Berlin, der durch Found-Footage-Material Probleme unserer Zeit hinterfragt und damit beim Betrachter ein Bewusstsein für die Auswüchse der kapitalistischen Lebensstils zu schaffen versucht. 

Was bedeutet der Ausstellungstitel „Lost in Finity“?

Übersetzt heißt der Titel „Verloren in der Unendlichkeit“. Bjørn Mehlhus will damit ausdrücken, dass durch die Digitalisierung unseres Lebens unendliche Möglichkeiten entstehen, in denen sich der einzelne Mensch umso mehr seiner Begrenzungen bewusst wird.

Wer steckt hinter „silent green“?

silent green ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die audiovisuelle Prozesse erforscht.  Sie organisiert auch Ausstellungen mit Künstler:innen, die sich mit den Fragen und Problemen der Gegenwart kritisch auseinandersetzen und ein neues Bewusstsein entwickeln wollen. silent green will möglichst breite Besucher:innen erreichen.