25.02.2026
Gabriele Leporatti spielt Busoni, Rachmaninoff © Etera Classics
„Rezension des neuen Etera-Classics-Albums von Gabriele Leporatti mit Bachtranskriptionen von Busoni, Rachmaninoff und einer Transkription Leporattis im Stil Rachmaninoffs
Warum ist die neue CD „Busoni Rachmaninoff“ des italienischen Pianisten Gabriele Leporatti etwas so Besonderes? Er fühlt sich als „Etera“ im Sinne der Etrusker, als Diener, und zwar im Dienste der Musik. Deshalb gründete er vor zehn Jahren das Label Etera Classics.
Busoni und Rachmaninoff – ein spannendes Programm
Schon die Programmauswahl ist überaus attraktiv. Gabriele Leporatti wählt die anspruchsvollen Bach-Transkriptionen von Busoni und Rachmaninoff. Er ermöglicht so das vergleichende Hören von barocker und ins Romantische transkribierter Musik. Dabei lässt er durch sein Interpretationstalent beide Stilrichtungen aufleuchten und bringt gleichzeitig durch eine eigene Transkription von Bachs „Partita Nr. 3“, die Rachmaninoff nicht transkripierte seine eigene interpretatorische Handschrift mit ein.
Leporatti – Busoni – Rachmaninoff
Leporatti verbindet in seiner neuen Klassik-CD zwei extrem unterschiedliche Bach-Interpreten. Busoni begnügte sich nicht mit satztechnisch getreuen Transkriptionen. Das schöpferische Verändern nach seinen eigenen, sehr anspruchsvollen Klangvorstellungen war sein Ziel und ist der Grund, warum seine Bearbeitungen, die bereits neue Kompositionen im Stil der Vorlage waren, für viele Pianisten zu komplex sind, nicht für Gabriele Leporatti.
Ganz anders sind Rachmaninoffs Bach-Transkriptionen. Tief in der russischen Seele und Romantik verwurzelt interpretiert er Bach im Gegensatz zu Busonis intellektuellen Bearbeitungen sehr emotional, wodurch sich ein ganz anderer Spannungsbogen aufbaut.
Gabriele Leporattis Interpretationen
Dass Gabriele Leporatti ein derart komplexes Programm präsentiert, beweist bereits seine Tiefgründigkeit, mit der er sich mit der Musik auseinandersetzt. Er verzichtet auf expressive Attitüden, forscht stattdessen dem Klang nach, lässt ihn erblühen, weitet ihn in romantischer Sehnsucht aus, ohne sentimental zu wirken. Gleichzeitig entdeckt er in Bachs orchestral anmutender Klangfülle dessen klare Tonstrukturen. Dieses transparente zwischen Original und romantischer Transkription, kombiniert mit Gabriele Leporattis klarer Interpretation als dritte Ebene, macht das neue Etera-Classics-Album zu einem anspruchsvollen Hörgenuss.
Ferruccio Busonis „Fantasia nach J. S. Bach, BV 253“
Mit klarem Anschlag, sehr einfühlsam und gelassen, mit eilenden Tempi und kraftvollen Crescendi belebt Gabriele Leporatti Busonis „Fantasia nach J. S. Bach, BV 253“, um nach kurzer Generalpause wieder aus der Tiefe zu spiritueller Entspannung zu finden. Ohne sich selbst zu inszenieren, bleibt Leporatti ganz nah an Busoni und lässt Bachs tonale Klarheit durchschimmern.
Ferruccio Busonis „Chaconne d-Moll“ nach J. S. Bachs „Partita Nr. 2 in D minor, BWV 1004“
Die „Chaconne d-Moll nach Bachs Violin-Partita BWV 1004“ beginnt todtraurig. Die Vermutung, dass das Stück in Erinnerung an Bachs verstorbene Ehefrau komponiert wurde, ist nachvollziehbar. Busoni schien davon so inspiriert zu sein, dass er daraus eine überaus innige, mitreißende Transkription für das Klavier des 20. Jahrhunderts schuf. Mit starken Akkorden, rasanten Melodienlinien und extremer Dynamik gilt die „Chaconne d-Moll“ als Busonis berühmteste Transkription. Durch Leporattis faszinierende Transparenz eröffnet sich ein mitreißender Klangkosmos, in dem ein narratives Feuerwerk zwischen euphorischen und stillen Erinnerungsmomenten erlebbar wird, aber eben nicht durch wuchernde Romantik, sondern glasklar Ton für Ton, wobei Leporatti Busonis subtile Klanginnovationen immer wieder aufleuchten lässt.
Sergei Rachmaninoffs Bachtranskription „Partita Nr. 3 in E major, BWV 1006“
Ganz anders erklingt Rachmaninoffs Bachtranskription „Partita Nr. 3 in E major, BWV 1006“, ebenfalls von der Violine auf Klavier übertragen. Fröhlich, heiter, jubilierend stimmen die auf- und absteigenden Tonlinien des „Preludes“ bereits auf die folgenden Tänze ein und auf das damit verbundene Vergnügen zweier Menschen, die sich beim Tanzen nahekommen. Die „Gavotte“ kehrt zur neckischen Contenance des höfischen Tanzes zurück, doch im Wechsel hoher und tiefer Stimmen, kleiner Triller, wechselnder Tempi und Dynamik weitet sich das strenge rhythmische Muster mit Betonung auf der Drei, um dann elegant wieder zur höfischen Form zurückzukehren. Die zarten Hopser verwandeln sich in der „Gigue“ zu einem vergnügt ausgelassenen Wirbelwind, in dem die hohe Stimme, als weiblich assoziierbar, das Sagen hat, während ihr die männliche Tiefe folgt und dabei neckische Dialoge hörbar werden.
Transkriptionen im Vergleich
Dass Leporatti selbst sich dem Vergleich mit Rachmaninoffs Transkription stellt, indem er dessen drei andere Sätze – Loure, Menuette I & II und die Bourrée – selbst transkribierte und sie mit tänzerischem Schwung einspielt, ist der Höhepunkt der CD. Die Gegensätzlichkeit von Busonis und Rachmaninoffs Transkriptionen inspirierte Leporatti, beide Stilrichtungen zu fusionieren, nicht als Imitation, sondern als Erkundung. Er knüpft dabei an Rachmaninoffs leidenschaftliche Wärme und Expression an, lässt Bachs tonale Architektur und Busonis moderne Verdichtungen aufleuchten. Leporattis Transkription ist eine Hommage an Bach, Rachmaninoff und Busoni.
Sergei Rachmaninoff: „Sonate für Klavier, Nr. 2 in B-flat minor, Op. 36“
Als Finale wählt Gabriele Leporatti Rachmaninoffs berühmte „Sonate für Klavier Nr. 2“, in der er die Schicksalsschläge seines Lebens verarbeitete und immer wieder überarbeitete: die Depressionen infolge der fehlenden Anerkennung seiner 1. Sinfonie, die Typhuserkrankungen seiner Töchter, die Reisen zwischen Italien, Deutschland und Russland. Sehr subtil fühlt sich Leporatti in Rachmaninoffs rauschhafte Komposition ein. Glasperlenspiele wechseln mit großer Leidenschaftlichkeit. Aus leisen Tonkaskaden bauen sich große Gefühle und Sehnsüchte auf und tauchen in melancholische Tiefen ab. Hochromantisches Stürmen und Drängen über die ganze Klaviatur hinauf und hinunter wechselt wunderbar transparent in allen Tonlagen mit ganz zarten, innigen Passagen. Es ist das emotional mitreißendste Werk dieser Etera-Neuerscheinung.
Fazit der CD-Kritik
Gabriele Leporatti ist mit dieser Veröffentlichung konzeptionell und interpretatorisch eine außergewöhnliche CD quer durch die Musikgeschichte gelungen. Sein analytisches Forschen eröffnet den Hörer:innen ganz neue Perspektiven auf den Wirkungsbereich von Bachs Barockmusik über die Transkriptionen bis in die Romantik und weiter bis in die Gegenwart.
Leporattis Spiel verzaubert durch höchste Virtuosität und große Empathie, durch Respekt vor dem Original und seinen klaren persönlichen Stil ohne jegliche Effekthascherei, ganz als ergebener Erforscher der Musik. Die Klangqualität der Aufnahme ist ausgezeichnet. Das Booklet zur CD hätte angesichts der Komplexität noch etwas differenzierter sein können.
Die neue Etera-CD empfiehlt sich für alle Klassikliebhaber, als reines Hörerlebnis, aber auch als spannender, analytischer Erkenntnisprozess.
Infos zur CD-Produktion
Label: | Etera Classics
Titel: | Gabriele Leporatti – Busoni – Rachmanikoff
Erscheinungsdatum: | 25.02.2026
Besetzung: | Gabriele Leporatti
Spielzeit: | 1 Std. 31 Min
Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐
konzeptionell und interpretatorisch herausragend
















