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Filmkritik: Jim Jarmusch seziert „Father, Mother, Sister, Brother“ – das Sein hinter dem Schein – seit 26.02.2026 in deutschen Kinos 

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Filmkritik: Jim Jarmusch seziert „Father, Mother, Sister, Brother“ – das Sein hinter dem Schein – seit 26.02.2026 in deutschen Kinos 

©Weltkino

Das Staraufgebot ist gewaltig. Wenn Jim Jarmusch filmt, ist es eine Ehre dabei zu sein. Doch trotz des grandiosen Casts für „Father, Mother, Sister, brother“ funkt Jim Jarmuschs neuer Film nicht so skurril, wie man das von ihm gewohnt ist. Nichtsdestotrotz beweist er sich…

als exakter, feinfühliger Beobachter, der aus ritualisierter Langeweile durch witzige Momente das Sein im Schein entdeckt und in seinem Episodenfilm sehr nachhaltige Sequenzen entwickelt und sie durch Wiederholungsstrukturen und alltägliche, aber symbolisch enthüllende Gesten aus ganz verschiedenen Perspektiven miteinander vernetzt. Nach spektakulären Themen wie Vampiren, „Only Lovers Left Alive“ (2013) oder Untoten, „The Dead Don’t Die“ (2019), fokussiert Jim Jarmusch in seinem neuen Film „Father, Mother, Sister, Brother“ auf ganz normale Familien und entdeckt hinter der Alltagsoptik ganz andere Welten. 

 „Father, Mother, Sister, Brother“ – ein Titel drei Geschichten

Nichts ist so, wie es scheint, Jim Jarmuschs Markenzeichen, dekliniert er dieses Mal in drei unterschiedlichen Familienkonstellationen durch, die im ersten Teil wie üblich charmant satirisch eskalieren, im zweiten in melancholischer Distanz verharren und im dritten – wie in einem Wunschbild – in harmonischer Zweisamkeit enden. Gemeinsamer Nenner ist die starke und starre Eltern-Kinder-Beziehung.

Genau deshalb sind in den ersten beiden Sequenzen die Autoanfahrten der Kinder zu einem, inzwischen verwitweten Elternteil so lang und langweilig. Die erwachsenen Kinder sind unsicher, was sie erwartet, obwohl die Rituale des Wiedersehens immer gleich ablaufen. Ein banaler Satz, „Darf man überhaupt mit einem Glas Wasser anstoßen“, wird zum Running-Gag und unterstreicht die gehemmte, distanzierte Stimmung zwischen Jung und Alt. 

Jim Jarmusch vernetzt Episoden zum bürgerlichen Familienporträt

„Father“, hervorragend von Tom Waits gespielt, lebt nach dem Tod seiner Frau einsam in einem verkommenen Haus an einem wunderschönen See in New Jersey. Tochter Emily, von Mayim Bialik sehr selbstbewusst und schlau in Szene gesetzt, mehr noch Jeff, Adam Driver spielt ihn als naiv braven, liebenswürdigen Sohn, unterstützen den Vater finanziell. Doch der trickst sie aus. Ein echter Gag, der noch nicht verraten wird.

„Mother“, Charlotte Rampling spielt sie mit disziplinierter Noblesse im gepflegtem häuslichen Umfeld, fokussiert auf die mütterliche Dominanz, durch die aber immer wieder die innere Verletztheit dieser Mutter durchschimmert, wenn die beiden Töchter sie einmal im Jahr in Dublin besuchen. Timothea ist mit Cate Blanchett das korrekte, fremdgesteuerte Abbild der Mutter. Vicky Krieps torpediert als Lilith mit rosaroten Haaren, Handy und lässigen Tischmanieren die Erziehung und Dominanz der Mutter. Der von oben gefilmte gedeckte Tisch bringt das Familienethos auf den Punkt. Die schöne Ordnung muss unter allen Umständen gewahrt bleiben. Emotionen und persönlicher Stil werden unterdrückt.

Arthouse-Regisseur Jim Jarmusch überrascht final durch eine harmonische Apotheose

Eine ganz andere Stimmung entwickeln die Zwillinge „Sister and Brother“. Billy (Luka Sabbat), der sich emotional mit Drogen stabilisiert, hat die schwierige Aufgabe übernommen, nach dem Flugzeugabsturz der Eltern die Pariser Wohnung zu räumen, wofür ihm Skye (Indya Moore) sehr dankbar ist. Die Nähe der Geschwister wird in jeder Szene spürbar. Über Fotos erinnern sich beide an ihre schöne Kindheit. Doch der Hinweis der Concierge, dass die Eltern drei Monate langt keine Miete mehr bezahlt hatten, macht auch hier Schein und Sein bewusst.

Resümee: Gerade durch die Subtilität in den Details in ganz gewöhnlichen Situationen gewinnt Jim Jarmuschs neuer Film „Father, Mother, Sister, Brother“ eine ganz neue Qualität. Mit lupenreinen Blick rückt er die Distanz der Menschen und deren latente Sehnsucht nach menschliche Nähe in den Mittelpunkt der Filmepisoden. 

Ob und wann „Father, Mother, Sister, Brother“ über MUBI, ein kuratierter Streamingdienst für Arthouse-, Indie-, und Festivalfilme direkt im Browser, per App oder Amazon-Prime-Video-Channel als Heimkino zu sehen sein wird, ist noch offen. 

Künstlerisches TeamDrehbuch, Regie, MusikJim Jarmusch

KameraYorick Le Saux

KostümeAnthony Vaccarello

SchnittAffonso Conçalves