"Kultur macht glücklich"


Berlin – Katharina Thalbach umjubelt bei szenischer Lesung von „Kästners Berlin“ – eine Hommage an Berlin im Berliner Ensemble

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Berlin – Katharina Thalbach umjubelt bei szenischer Lesung von „Kästners Berlin“ – eine Hommage an Berlin im Berliner Ensemble

©Berliner Ensemble, Foto: Gianmarco Bresadola

Flotte Musik, dokumentarisches Schwarz-Weiß-Video mit Blick auf die Spree, Jubel, sobald die gefeierte Berliner Schauspielerin Katharina Thalbach die Bühne betritt – man spürt sofort, dass es eine…

außergewöhnliche Lesung wird, eine Hommage an Berlin, noch mehr an Katharina Thalbach. Mit dem Rücken zum Publikum nimmt sie auf dem Drehstuhl Platz und genießt den Blick auf die Weidendammer Brücke. Sie streckt die Arme zu einer großen Umarmung aus, dreht sich und strahlt ins Publikum. Es funkt. Ihre Begeisterung für Berlin steckt an.

Aus einer Collage von 27 Texten zaubert Thalbach ein humoristisches Porträt von Berlin. Über eine Mixtur von Prosaminiaturen, Passagen aus den Romanen „Pünktchen und Anton“, „Emil und die Detektive“, „Fabian“ und „Drei Männer im Schnee“ lässt sie das Berlin der 1920er Jahre lebendig werden. Sie liest nicht nur vor, sie lässt durch ihre charismatische Stimme, frappierende Mimik und originelle Gestik Berliner Kolorit lebendig werden. Wie Kästner liebt sie die Prototypen kapitalistischer Ausbeutung, den armen „Streichholzjungen“, „Das Gemurmel des Kellers“, die Revuegirls, die so viel machen, nur keine Karriere. Sie liebt vor allem Kästners Kinder, die schlauer als die Erwachsenen sind. 

Nach jedem Text kreist Thalbach einmal auf dem Stuhl, genug Zeit für den Stimmungswechsel, die die Hintergrundprojektionen und der Sound ankündigen. Der nationalsozialistische Terror wird spürbar. „Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln. Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weiß“, antwortet der Schriftsteller auf die Frage, „Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“ Doch der Überlebenswitz der Berliner und die ironische Brechung, „Größenwahnsinn im Westen, wo man über die Verhältnisse lebt und sie schließlich nicht mehr überlebt“, behalten bei Kästner die Oberhand.

1899 in Dresden geboren, siedelte er 1927 nach Berlin. Er beobachtete das pulsierende großstädtische Leben, das dem „Besuch vom Lande“ viel zu laut und zu wild war. 1933 erlebte er die Verbrennung seiner eigenen Bücher. Trotz Publikationsverbots blieb er mit seiner Mutter in Berlin und veröffentlichte unter Pseudonymen vor allem Texte für die Unterhaltungsindustrie. Erst nach dem Krieg verließ er Berlin. 

Kästners Texte haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Berlin oszilliert nach wie vor zwischen Vergnügungssucht und Verunsicherung. „Das ist Berlin!“

Künstlerisches Team: Oliver Reese (Szenische Einrichtung), Janina Kuhlmann (Bühne), Jörg Gollasch (Musik), Andreas Deinert (Video), Steffen Heinke (Licht), Sibylle Baschung (Dramaturgie)