©Landestheater Niederbayern, Foto: Peter Litvai
Da ist es wieder das Dreamteam Rocky, Gianni und Frauke, trotz aller Widrigkeiten des Lebens…
unzertrennliche Freunde in einfachsten Verhältnissen, geläutert von den Karriereträumen in Deutschland. Der lebensfrohe italienische Background scheint verschwunden, ist nur noch über große Bildfragmente präsent, während der Blick auf die graue Gelsenkirchener Plattenarchitektur die Alltagsstimmung dominiert. Um 180 Grad gedreht und zusammengerückt verwandelt sich die abstrakten Bilder in eine beengte Wohnung. Etwas tröge beginnt „AzzurroTres“, die dritte Folge von Stefan Tilchs Erfolgsprojekt. Umso effektvoller wirkt die Suche nach italienischem Lebensgefühl. In der dritten Folge steht ein Roadmovie per Vespa und Deutscher Eisenbahn im Zentrum atmosphärisch eingebettet von den Best-of-Italian-Popsongs.
Mit „Azzurro“ startete Stefan Tilch 2017 das Experiment einer Italo-Pop Revue in Kooperation mit „I Dolci Signori“. Die große Resonanz und seine eigene Begeisterung für Musical, italienische Musik und Lebensart motivierten ihn das Projekt weiterzuentwickeln. 2021 folgte „AzzurroDue“. Jetzt, in seinem letzten Intendantenjahr am Landestheater Niederbayern, vollendete er die Trilogie als Vermächtnis seiner Kreativität als Autor und Regisseur.
Die Uraufführung von „AzzurroTres – Frauke packt aus!“ war im Theaterzelt Landshut weit im Vorfeld ausverkauft, die Begeisterung sensationell. Kein Wunder, denn „I Dolci Signori“, sechs Vollblutmusiker sind mit ihrer Melange aus italienischem Lebensgefühl und Popsongs in fast unveränderter Formation seit 2002 on Tour und haben seit 2017„Azzurro“ als Serie zwischen Nordsee und Mailand im Programm.
Der Plot ist wie immer überaus simpel. Das Dreigestirn Gianni, Rocky und Frauke leben im grauen Gelsenkirchen bei Fraukes Eltern. Die Wohnung ist klein und spießig, das Geld knapp, die Beziehung zwischen Rocky und Frauke wegen latenter Eifersucht angespannt. Rocky und Gianni wollen zu einem Popkonzert-Wettbewerb in Bibione, um durch das Preisgeld von 30000 Euro die Haushaltskasse aufzubessern. Frauke kommt nach, um davor noch einer berühmten Expertin in Straßburg eine Therapie gegen ihre Vollmondsucht zu machen. Die Trennung am Bahnsteig ist schwer, ermöglicht aber dramaturgisch Spannung durch simultanes Geschehen, zumal beide ihre Handys verwechselt haben, woraus sich noch größere Eifersüchteleien und ambivalente Emotionen ergeben und sich das musikalische Spektrum weitet.
Das klug konzipierte Bühnenbild ermöglicht schnelle Ortswechsel und abrupte atmosphärische Kontraste. Mit am Zug vorbeifliegenden Landschaften, Bäumen und Kühen, aufploppenden Häusern bekommt die Inszenierung einen naiven, bilderbuchartigen Touch, zu dem das ausgestellte Spiel mit dick aufgetragenen Klischees bestens passt, das die Deutsche Bahn durch unfreiwillige Stops verstärkt. Bayerisch folkloristische Derbheit inklusive Schuhplatter und französischer Eskapismus haben keine Chance gegen die omnipräsenten Schmelz italienischer Lebensfreude und endorphinisierende Songs.
Sobald der nächste Lied erklingt, schwebt das Publikum auf Wolke sieben, wobei sich die Szenerie des Musicals immer mehr in eine professionelle ausgeleuchtete Konzertbühne verwandelt, in der I Dolci Signori mit Rock Verardo (Rocky) und Arcangelo Vigneri (Gianni) und Kirsten Schneider (Frauke) ihre Italo-Pop-Interpretationen präsentieren, begleitet von den Gitarristen Gianni Carrera und Richie Necker, Bassist Uli Zrenner-Wolkenstein, Schlagzeuger Michael Thomas. Als Konzertprofi wissen sie genau, wo und wann sie das Publikum zum Mitklatschen und Mittanzen animieren können.
Wie ein Fremdkörper wirkt zunächst Kirsten Schneider als intellektuell überkandidelte Frauke, die aber durch die Liebe zu Rocky zusehends italienisiert wird und dabei ihr sängerisches, vor allem ihr tänzerisches Talent zeigt. Rocky versagt wegen Liebeskummer die Stimme, doch Gianni baut ihn mit seiner mediterranen Leichtigkeit wieder auf.
Zum absoluten Publikumsliebling avanciert Johann Anzenberger. Sehr groß, extrem schlank sorgt er in fast einem Dutzend karikierender Nebenrollen schon bei ersten Schritt auf die Bühne für Jubel. Seine Wandlungsfähigkeit, nicht zuletzt seine originellen Kostüme, mit denen er sich von der Alltäglichkeit des Umfelds abgrenzt, gibt der vorhersehbaren Handlung immer wieder den Kick parodistischer Überraschung.
Die detailverliebte Inszenierung steuert unter Tilchs Regie durch die ansteigende Rasanz der Tänze und die Einbindung des Publikums auf das ersehnte Popkonzert hin, um dann ganz unerwartet in die Tristesse in Gelsenkirchen abzustürzen. Doch das ist noch nicht das Ende.
Künstlerisches Team: Stefan Tilch (Text, Regie), Dorothee Schumacher, Lutz Kemper (Ausstattung), Sunny Prasch (Choreografie), Dana Dessau (Kostüme)












