"Kultur macht glücklich"


Berlin – Johan Simons weitet „Antigone“ am Berliner Ensemble zur Familientragödie 

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Berlin – Johan Simons weitet „Antigone“ am Berliner Ensemble zur Familientragödie 

©Berliner Ensemble,, Foto: Jörg Brüggemann

Ein gigantischer, sich drehender, schmaler Quader mit Papierwänden ermöglicht ständig neue Perspektiven, lichtatmosphärische Verdichtungen und machtvergrößernde Schatteneffekte. Er wirkt…

wie eine Mauer zwischen den Fronten und symbolisiert mit Knochenteilen rundherum und durch immer aggressivere Fausthiebe die Zerstörung Thebens bzw. der unbescholtenen Kinderseelen.

In dieser reduzierten Schwarz-Weiß-Szenerie kommt die energetische Kraft von Johan Simons’ Antigone- Inszenierung kraftvoll zur Geltung. Er weitet den Blick über die Frage von Legitimation und Untergrabung von Recht hinaus auf die ganze Familientragödie, zurück bis auf Ödipus, und zwar aus der Perspektive der traumatisierten Kinder. Da Simons sich aber der sophokleischen Aufführungspraxis gemäß auf drei Schauspieler:innen beschränkt, schlüpfen diese durch ständige Kleiderwechsel in verschiedene Rollen, was das Spiel zwar dynamisiert, aber auch verkompliziert, zumal die verwendete, sehr anspruchsvolle, dichterisch poetische Übersetzung von Friedrich Hölderlin eine Herausforderung ist.

Antigone besetzt Simons, der zum ersten Mal am Berliner Ensemble inszeniert, mit seinem Lieblingsschauspieler Jens Harzer. Es ist ein eingespieltes Team erweitert durch zwei großartige Schauspielerinnen, Kathleen Morgeneyer und Constanze Becker. Simons gibt ihnen viel Raum, ihre Ideen einzubringen, woraus sich ein sehr dichtes, mitunter spontan wirkendes Spiel entfaltet. 

Mit smarter Stimme und durch facettenreiche Nuancierungen entdeckt Harzer in Antigone eine subtile, gleichsam dominante, überaus aufrechte, aber auch beschützende Persönlichkeit. Kathleen Morgeneyer interpretiert Schwester Ismene als ein fröhliches, doch hilflos schutzsuchendes Mädchen. Beide tollen immer wieder kindlich um den Quader herum, umso härter ist der Aufprall in der Realität des von Kreon streng regiertenTheben. Aber in Wiederholungsschleifen verliert das Herumfetzen der Schwestern schnell an Substanz und das eigentliche Antigone-Motiv, die Auseinandersetzung mit Kreon, von Constanze Becker bewusst sehr statisch gezeichnet, an Spannung. Durch schnelle Kostüm- bzw. Rollenwechsel, einen Blindenstock leuchtet das Familiendrama auf.  Das ist durchaus großes Theater und ein mutiger Interpretationsansatz. Doch wirklich erhellend und überzeugend ist Simons Inszenierung aus der Perspektive traumatisierter Kinder nicht. 

Künstlerisches Team: Johan Simons (Regie), Johannes Schütze (Bühne, Kevin Pieterse (Kostüme), Tristan Wulf (Musik), Steffen Heinke (Licht), Sibylle Baschung (Dramaturgie) 

Mit: Constanze Becker, Jens Harzer, Kathleen Morgeneyer