©Michaela Schabel
100 Jahre Filmgeschichte in einem Film! Kein Wunder, dass dieser Film 24 Stunden dauert. Drei Jahre lang recherchierte…
Christian Marclay mit seinen Assistent:innen Film- und Fernsehsequenzen, in denen Uhren die Zeit zwischen 00:00 und 24:00 anzeigen. Bereits die Uraufführung von „The Clock“, 2010 in London, verfolgte man mit großer Aufmerksamkeit. Ein Jahr später wurde der Film mit dem „Goldenen Löwen“ bei der 54. Biennale von Venedig ausgezeichnet, eine Eintrittskarte für die großen Museen der Welt. Jetzt erst ist „The Clock“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin angekommen.
Das Kunstwerk hat noch keinen Staub angesetzt. Faszinierend ist vor allem die Schnitttechnik, die aus Tausenden zeitbezogenen Filmsequenzen eine Filmcollage in Schwarz-Weiß und Farbe quer durch die Filmgeschichte präsentiert. Raffiniert leiten die Blickachsen über die ständig präsenten Uhren in den nächsten Filmausschnitt. Mit der Berliner Ortszeit synchronisiert taucht man ein in die Welt US-amerikanischer Lifestyles von Dick und Doof, James Bond, Western, Krimis, Historienfilmen bis zu Science-Fiction.
Egal in welcher Zeitepoche, die Filme spielen, der Blick auf die Uhr, das Getriebensein von der Zeit, steht im Mittelpunkt und trifft immer noch voll unseren heutigen Lebensstil.
Menschen warten, werden nervös, blicken in die Ferne und schon wieder ist man an einem anderen Ort, im Restaurant, Büro, in einer Wohnung, im Lift, auf der Straße, im Krankenhaus oder in der Schule. Die Collage umfasst alle Filmgenres und Filmepochen, emotionalisiert durch berühmte Filmsounds, durchdrungen vom Ticken der Uhren. Selbst wenn sie zerschlagen werden, ticken sie an anderer Stelle weiter. Man wird den Unruheherd nicht los. Das Ticken begleitet sonor bis in den Tod.
„The Clock“ entwickelt einen unerwarteten Sog, weil man als Betrachter instinktiv selbst in eine Warteposition gerät, indem man den nächsten Filmausschnitt zu erkennen hofft. Für Cineasten ist „The Clock“ ein Rätselparadies. Aber auch ohne vertiefte Filmkenntnisse ist die Filmcollage insofern sehr interessant, weil sich im jeweiligen Zeitgeist typische US-amerikanische, auch britische Klischees offenbaren. Das Setting der Filme, die Mode, die Accessoires verändern sich, nicht aber die Gehetztheit der Menschen.
Mehr Zeit als gewöhnlich muss man einkalkulieren, wenn man „The Clock“ erleben will. Je nachdem, wie lange die einzelnen Besucher:innen dem Filmgeschehen folgen, verlängert sich die Warteschleife. Wer sich dafür begeistert, wird unter Umständen mehrmals zu verschiedenen Zeiten vorbeischauen.
„Christian Marclay. The Clock“ ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen.
Christian Marclay wurde 1955 in den USA geboren und wuchs in der Schweiz auf. Jetzt lebt und arbeitet er in London. Vom „Fluxus“ inspiriert, erforscht er mit seinen Werken die gemeinsamen Muster von Ton, Fotografie, Video und Film. Er gründete die Performance-Gruppe „The Bachelors, Even“ und entwickelte monumentale Skulpturen. „The Clock“ gilt als seine erfolgreichste Arbeit.












