Theater Regensburg – „Die Domäne“ – deutsche Erstaufführung  

Theaterkritik "Die Domäne" präsentiert www.schabel-kultur-blog.de

2012 wurde das Stück „Die Domäne“ des Kanadiers Olivier Choinière in Montreal uraufgeführt. Die junge talentierte Regisseurin Christina Gegenbauer brachte im Theater Regensburg eine erstaunliche Erstaufführung auf die Bühne. Sie kombiniert Theater und Videospiel, verdoppelt die drei Familienmitglieder um ihre Avatare in der virtuellen Welt plus Monster, die bei einem Verkehrsunfall verunglückte 8-jährige Tochter.

Als die Eltern sich einloggen, werden sie mit sich selbst in ihrer spießigen Denkweise konfrontiert, die der Sohn durch traditionelle Rollenklischees, religiöse Rituale, entsprechende Redewendungen auf die Spitze treibt. Die Mutter steht am Ofen und macht Pfannkuchen, der Vater sorgt für Ruhe und Ordnung. „Eltern haben die Pflicht gute Taten zu tun“ ist die ständige wiederholte Devise des Sohnes, der die Aufgaben der Eltern übernimmt und sich so seine virtuelle Idealfamilie erträumt. Doch seine Regeln sind grausam. Finger durchstechen oder Hand auf die Herdplatte legen, nur weil das Mädchen etwas vom Essen stibitzt hat. Wer ins nächste Spiellevel will, muss das Monster strafen. Ziel ist es, das Monster zu töten, ohne dass das Umfeld es merkt. Das Monster soll endlich aus seinem Leben verschwinden. Im Sog des Spiels brechen die Innenwelten der Eltern auf und verwandeln sich in surreale Alpträume.

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©Jochen Quast

Eine Würfellandschaft als Bühnenszenerie, dahinter als Videovision ein weiß gezeichnetes Strichhäuschen auf grauen Untergrund (Frank Albert) und raffinierte Lichtstimmungen von sonnig-orange bis ins irreale Lila schaffen nahtlose Übergänge in virtuelle Welten, in denen sich die Schuldfrage, warum das Mädchen verunglückte, bruchstückartig aus drei unterschiedlichen Perspektiven aufleuchten und sich die Schuldfrage auf alle drei Familienmitglieder weitet, ohne sie letztendlich zu klären. Auf Level drei endet das Spiel im Desaster. Im weißen Kleidchen liegt das Mädchen, unschuldig, pures Gegenteil eines Monsters, tot da. Die Blütenblätter verwandeln sich in Blutoptik.

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©Jochen Quast

Das ist spannend, effektvoll, innovativ inszeniert, von den Schauspielern bestens gespielt, insbesondere Silke Heise (Mutter) und deren Avatar (Verena Maria Bauer). Die Avatare bewegen sich robotermäßig in gleichbleibend steriler Freundlichkeit, lachen schrill, artikulieren abgehackt,  Eltern und Sohn agieren  nicht minder stereotypisiert in ihren aufgesetzten Rollenprägungen, in der nur Silke Heise als Mutter emotionale Mitgenommenheit durchschimmern lässt.

Dennoch hinterlässt das Stück große Fragezeichen. Viel zu grob und klischeehaft wird hier ein Familientraumata  über ein virtuelles Spiel abgehandelt und damit der Trend zu grausamen spektakulären Lösungen bestärkt. Statt Ausblicke zu geben, verwischen die Realitätsebenen, wird der Alptraum zum Horror. Computerspiele als Mittel der Psychoanalyse hochzustilisieren, wertet virtuelle Welten auf, statt Distanz zu schaffen.

Michaela Schabel