Landshut – Peter Oberdorf inszeniert Jelineks „Am Königsweg“ im Landestheater Niederbayern

Jelineks "Am KÖnigweg" im Landestheater Niederbayern präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de
©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern
Jelineks 92-seitiger Monolog, eine „Textfläche“, wie sie ihn selbst nennt, ohne Handlung, Rollenzuweisungen und Inszenierungshinweise, das überlässt sie den Regisseuren, ist ein rein assoziatives Hin und Her durch die misslichen Themen unserer Zeit, die Trump zum Lodern brachte, von den Irrwegen der Macht, dem Irrsinn der Verschuldung bis zur Verarmung und Schutzlosigkeit der Massen, wegen ihrer Verführbarkeit und Dummheit nur noch in der Opferrolle, von der Diskriminierung der Frauen bis zur Zerstörung des Wortes und damit der Wahrheit.  
Peter Oberdorf kürzt den Text um ein Drittel, ohne Jelineks Themenvielfalt allzu sehr einzuengen und strukturiert ihn sehr gekonnt durch vier  Personen, die sich antagonistisch gegenüber stehen, König und Seherin, als Pendant im Volk dazu eine Andere und ein Anderer, als Mitläufer bzw. kritisch Fragender in der Farbe der Hoffnung. 
Jelineks "Am KÖnigweg" im Landestheater Niederbayern präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de
©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern
Es treffen keine Charaktere aufeinander, sondern unterschiedliche Haltungen, die allesamt um die Thematik des Blindseins für die Problemlage der Menschen kreisen. 
Dadurch bekommt der Text eine Bühnenintensität, die der Uraufführung von Falk Richter, einer knallbunt überdrehten Super-Popshow 2018 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg, keineswegs nachsteht. Peter Oberdorf wählt gezielt einen kleineren Rahmen, das symbolkräftige und expressive Kammerspiel, trifft damit präzis, schnörkellos und sehr klar  in die Mitte von Jelineks komplexer Generalabrechnung mit der Macht.  
Uwe Niesigs Bühnenbild und Lichtregie  lässt schnell vergessen, dass man sich in einem Museum befindet. Silbergrau glänzendes Mauerwerk durchfurcht von royal roten Bahnen schafft ein heroisch antikes Ambiente,  symbolisiert königliche Machtaura, an gegebener Stelle Trumps Mauerbau  und Abrahams biblische Opferstätte. Kriegerisches Getrommel und krasse Lichtwechsel intensivieren die düsteren Zeiten der Macht, 
Das Schauspieler-Quartett flankiert von zwei Cheerleadern (Karolina Losing, Madelaine Riha) ist trefflich besetzt, bringt die assoziativen Sprachspiele Jelineks bestens zur Wirkung. 
Der König, mit Jochen Decker als Trumpverschnitt ein perfider  Exzessivling der Macht, geht über Leichen. Zwei gekreuzte Knochen in seiner Hand symbolisieren als Weggabelung den grausigen Weg des Königs und spielen zugleich als assoziierbares  Kreuz, nicht zuletzt durch die violette stylische Faltenrobe des Königs auf klerikale Machtansprüche von Gottes Gnaden an. Dieser König  blickt nicht auf die Welt, er stiert irre vor sich hin, ein Wrack, wie Richard  III in der Endphase. Das Skelett in seinen Armen signalisiert, was er anfasst, macht er kaputt. Selbst seinen Fans wie die Andere, eine Mitläuferin, von Friederike Baldin  ekstatischer Verehrung mit guruhafter Unterwerfung nicht minder temperamentvoll  ins  Groteske übertrieben, bleibt das bittere Erwachen nicht erspart. Einen Anderen zeichnet Joachim Vollrath als kritischen Hinterfrager mit souveräner Gelassenheit. Ursula Erb als Seherin, ist in weißer Robe die Arme ganz verdeckt, Lichtblick und zugleich handlungsunfähig.
Jelineks "Am KÖnigweg" im Landestheater Niederbayern präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de
©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern
Ihre Haltung, die  Wahrheit zu sagen zählt nicht mehr. Der König tötet die Seherin. Damit wird die Wahrheit zur Asche in der Urne. Eine grandiose Szene für die aktuelle politische Lage. Chapeau vor dieser Inszenierung!