Landshut – Michael Frayn „Der nackte Wahnsinn“ im Landestheater Niederbayern

„Der nackte Wahnsinn“ packt die Schauspieler eines Tourneetheaters, als  bei der Hauptprobe, die eigentlich eine Generalprobe sein sollte, immer noch nichts funktioniert, die Schauspieler nicht einmal ihre Rolle kapiert haben, wo doch alles so einfach ist. Es kommt nur „auf die Sardinen und Türen“ an, erklärt entnervt der Regisseur.  Die müssen im richtigen Timing knallen und die Sardinen da sein, wo sie sein sollen.

©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Ohne das Staccato dieser Running Gags gibt es vorerst kaum Lacher, was dramaturgisch Spannung aufbauen lässt, aber sich doch etwas dröge über den ganzen ersten Akt  dahinschleppt, weshalb sich der Regisseur  „wie der liebe Gott fühlt. Er weiß überhaupt nichts.“ Das ist vorerst die einzige Pointe.

Aber Michael Frayns  Boulevard-Bestseller, uraufgeführt 1982, ist, zumindest für die damalige Zeit, vielschichtig konzipiert. Es geht nicht nur um zwei Pärchen, die in einer alten Villa unverhofft aufeinandertreffen, obwohl sie ganz alleine eine schöne Nacht verbringen möchten, komplementiert von  einer umständlichen Haushälterin (Antonia Reidel), einem gemächlichen Einbrecher (Joachim Vollrath), einem verschlafenen Inspizienten (Julian Niedermeier) und  einer hippeligen Regieassistentin (Friederike Baldin), sondern auch um das Niveau von Tourneetheater,  den Blick hinter die Kulissen in die Tristesse des Theateralltags und die verwickelten menschlichen Beziehungen.

Im zweiten Akt bietet Michael Frayn Backstage eine Steilvorlage für rasantes Boulevardtheater, die Sarah Kohrs  geschickt zu nutzen weiß und als  sportive, fast nonverbale Performance präsentiert.

Durch ein Fenster sieht das Publikum ausschnittsweise das Bühnenchaos und Backstage verwandeln sich die Eifersüchteleien zwischen den Darstellern in einen rasanten Nahkampf als witzige charmante Hau-den-Lukas-Satire. Die Schauspieler  knallen sich gegenseitig zu Boden,  eilen wie  Gummimännchen geschwind weiter, krabbeln auf allen Vieren in immer neuen Variationen unter dem Fenster vorbei, dazwischen effektvoll trippelnd und springend die hübschen Beine von Belinda (Katharina Elisabeth Kram) und wie ein blindes Huhn, die orientierungslose Brooke ohne Kontaktlinsen (Ella Schulz). Das Chaos pur hat aber hier noch keine Ende.

Im dritten Akt, einer weiteren Vorstellung nun wieder aus der Guckkastenperspektive, bei Frayn an sich die letzte Vorstellung der Tournee, wird „Der nackte Wahnsinn“ endgültig zur Theater-Farce. Alles geht daneben. Ganze Textpassagen fehlen. Die Sardinen sind immer an der falschen Stelle, lassen den Boden zur Rutschpartie werden. Garry purzelt die steile Treppe hinunter, eine Stuntman-reife Leistung von Stefan Sieh. In Momenten des baren Entsetzens frieren Mimik und Bewegung ein.

„Der nackte Wahnsinn“ packt die Schauspieler eines Tourneetheaters, als  bei der Hauptprobe, die eigentlich eine Generalprobe sein sollte, immer noch nichts funktioniert, die Schauspieler nicht einmal ihre Rolle kapiert haben, wo doch alles so einfach ist. Es kommt nur „auf die Sardinen und Türen“ an, erklärt entnervt der Regisseur.  Die müssen im richtigen Timing knallen und die Sardinen da sein, wo sie sein sollen.

©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Jetzt wird das Stück zur Lachnummer. Das falsche Timing ist perfekt, das Ensemble großartig, die Verortung im eleganten Stil der 60er Jahre stimmig. Die beiden Paare harmonieren in Optik und Theatralik bestens. Brooke, mit Ella Schulz als kesse Mini-Marilyn-Monroe, will  mit dem smarten Immobilienmakler Garry (Stefan Sieh) ins Bett. Frederick (Julian Ricker), der gegenwärtige Mieter,  ist mit seiner Gattin Belinda, einer eleganten Lebefrau, inkognito angereist, um der Steuerfahndung aus dem Weg zu gehen. Unerklärlich bleibt, warum Sarah Kohrs Antonia Reidel als Haushälterin in einen furchtbar kreischenden und derben Haustrampel verwandelt, Joachim Vollrath als arg behäbigen Rentner-Einbrecher zur faden Drive-Bremse degradiert.

Summa summarum begeisterte bei der Premiere die Inszenierung  das Publikum, darunter auch ungewöhnlich viele Kinder. „Der nackte Wahnsinn“ scheint bei vielen Theaterbesuchern anzukommen.