Landestheater Niederbayern – „Mit Arsen und Spitzenhäubchen“

Theaterkritik von "Arsen und Spitzenhäubchen" von schabel-kultur-blog.de
Die Räumlichkeiten sind sehr ähnlich mit Treppe und Türen, Fenster und Truhe. Die Schwarz-Weiß-Optik mit schaurigen Schatteneffekten verwandelt Ausstatterin Ursula Beutlers  in ein heimeliges Interieur in Altrosa mit grünen Textilfarbtupfen und gemütlichem Lampenlicht, von der Spitzentischdecke abgesehen mit bestrickten Möbeln inklusive Strickmustertapete. Die beiden alten Ladys wirken schon optisch durch die zusammenpassenden Farbkombinationen von Bluse und Rock wie siamesische Zwillinge.
Immer noch völlig unglaublich sind die Moritaten dieser Brewster-Familie. Die beiden Tantchen Abby und Martha erlösen ein Dutzend alter Untermieter von ihrer mühseligen Einsamkeit und befördern sie mit ihrem Mix aus Holunderwein, Arsen, Strychnin, Zyankali sanft ins Jenseits. Neffe Teddy, der glaubt Präsident Roosevelt zu sein, gräbt im Keller einen Panamakanal, in dem die Leichen ihre letzte Ruhe finden. Jonathan, der zweite Neffe, ebenfalls verrückt, aus der Irrenanstalt entflohen, infolge einer Gesichtsoperation mit Frankenstein-Optik, will seine 12. Mordleiche im Haus der Tanten verstecken. Das gibt mehr als genug Aufregung und originellen Situationswitz.
Theaterkritik von "Arsen und Spitzenhäubchen" von schabel-kultur-blog.de
©Peter Litvai
Unter der präzisen Personenregie Sarah Kohrs spielt das Landshuter Ensemble mit sichtbarem Vergnügen stark an der Bewegungsdynamik des Films orientiert. Antonia Reidel und Paula-Maria Kirschner sind in der Tat entwaffnend nette und vife Tantchen, zusammen ein herrlich eingespieltes Paar, ein Blick genügt für die dezente Verständigung. Antonia Reidel  ist die etwas quirligere Abby mit hoher Stimme immer auf 100, Paula-Maria Kirschner als Martha  etwas geruhsamer, mit dem richtigen Tipp zur rechten Zeit. Beide zusammen agieren als ein Herz und eine Seele mit einer derartig authentischen Ehrlichkeit und entwaffnenden Offenheit, dass ihnen die Wahrheit keiner abnimmt.
Julian Niedermeier ist als dritter Neffe Mortimer, ein überkandidelter Theaterkritiker, der komödiantische Knüller. Zwischen Arroganz und Naivität, Mut und Dummheit fällt er von einer Schockstarre in die andere bis an den Rande des Wahnsinns, als Cousin Jonathan auftaucht. Provoziert wegen seiner Frankensteinvisage (Maske Christian S. Kurtenbach)  verwandelt sich Joachim Vollwerth als Jonathan vom raffinierten Süßholzraspler im Handumdrehen in ein aggressives, kaum zu bändigendes Monster, dem jederzeit ein Würgemord zuzutrauen ist. Dazwischen sorgt Reinhold Peer als Teddy für die Running Gags mit Trompetenfanfare und Schweißtuch a la Janosch panamesischen Tigerenten-Muster, Treppauf-treffab-Gepolter, schlagenden Türen, dass jedesmal die Kuckucksuhr losgeht. Das Wandtelefon mit Endloskabel ist ohnehin als Dauergag im Einsatz. Ella Schulz puscht als verliebte Elaine die Szene temperamentvoll auf. In weiteren Rollen Julian Ricker, Stefan Sieh,  Laura Puscheck, Olaf Schürmann und Klemens Neuwirth.
Das ist als nostalgische Unterhaltung, etwas altbacken, charmant gemacht.
Michaela Schabel