Landestheater Niederbayern – Der bayerische Sturm – Uraufführung

Michaela Schabel besuchte für schabel-kultur-blog.de die Uraufführung des "Bayerischen Sturm" im Landestheater Niederbayern

Regisseur Wolfgang Maria Bauer belässt am Landestheater Niederbayern  die Hauptfiguren,  interpretiert Shakespeares „Sturm“  aber vom Ende her. Was passiert, wenn einer geistig verwirrt scheint, dement wird und stirbt? Wolfgang Maria Bauers  Prospero erlebt den letzten Sturm seines Lebens.

In fließenden Übergängen leuchtet die Vergangenheit  als romantische Inselidylle oder surrealer Alptraum auf. So bleibt Shakespeares „Sturm“, was er ist und wird doch gleichzeitig sehr gegenwärtig.

Die bayerische Ebene bleibt komödiantisch auf die Dienerrolle Trinculos (Peter Peer) begrenzt. Von ihm, nicht von Prospero lernt Caliban (Joachim Vollrath) das Sprechen, woraus sich das Bayerische auf dem Niveaus des  Zungenbrechers Oachkatzlschwoaf amüsant harmlos entwickelt und sich gleichzeitig  durch den leitmotivischen Haindlingsong „Die bayerischer Seele“ und  den  melancholischen Sound Johnny Cashs atmosphärisch verdichtet. David Moorbach spielt als Johnny Cash dessen Songs  live auf der Gitarre und hinterfragt provozierend: „Was ist denn hier eigentlich bairisch?“

Wolfgang Maria Bauers „Bayerischer Sturm“ ist nicht auf den Dialekt begrenzt. Es geht ihm um die Authentizität und die bringt er  durch den Sound- und Textmix, durch  die charismatische Expression einiger Schauspieler und nicht zuletzt durch die gelungene Ausstattung, insbesondere die damit verbundene Originalität der Kostüme (Aylin Kaip) bestens zur Wirkung.

Olaf Schürmann erdet Prospero mit sonorer Stimme als altersschwachen Durchschnittsbürger, der im Rückblick auf seine Leben so manchen Alptraum noch zu schultern hat. Ariel (Katharina Elisabeth Kram) und Caliban werden zu Prosperos  polaren Energien.  Caliban verkörpert die negative Seite, Ariel die positive. Prosperos Bruder Antonio wandelt Bauer in eine Schwester mit resolutem Macht-Geld-Credo (Paula-Maria Kirschner),  intensiviert durch Brechts „Haifisch“-Song.

Wie bei Shakespeare verlieben sich Ferdinand (Julian Niedermeier) und Miranda (Mona Fischer) durch Ariels  auf den ersten Blick. Wenn sie sich als Krankenhauspersonal plötzlich förmlich gegenüberstehen bedient sich Wolfgang Maria Bauer geschickt der romantischen Ironie a la Heinrich Heine.

Und auch das Happyend greift weiter als bei Shakespeare. Erst nachdem alles geregelt ist, die Dämonen des Unterbewussten kanalisiert sind, kann Prospero mit der Erkenntnis um die eigene Verhässlichung und geistige Verwirrung, vor Platons Hintergrund, dass Leben und Sterben, Vergehen und Werden sich gegenseitig bedingende Prozesse sind, endlich sterben.

So kommt Shakespeare beim Publikum an und wird wieder das, was er immer war, nämlich Volkstheater. Gleichzeitig weitet Wolfgang Maria Bauer zusammen mit Dramaturg Peter Oberdorf  Volkstheater auf verschiedene literarische Ebenen, ohne dass die Authentizität der Inszenierung und des Originals verloren geht. Ein Volltreffer!

Michaela Schabel