Kassel – Verleihung des Deutschen Theaterpreises „DER FAUST 2019“

Deutscher Theaterpreis "Faust 2019" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Oliver Kern

Die Verleihung des Deutschen Theaterpreises „DER FAUST“ ist jedes Jahr die größte Auszeichung im deutschen Kulturbetrieb. Mit Spannung werden jedes Jahr Nominierungen, die Ehrungen und Laudationes  mitverfolgt und diskutiert. Die 14 Auszeichnungen des „FAUST 2019“ waren für

Regie Schauspiel
Helge Schmidt
, das Ensemble und das Recherchezentrum Correctiv leisten mit Cum-Ex- Papers politische Aufklärungsarbeit im besten Sinn. Das auf einer hervorragenden Rechercheleistung basierende Stück über eine von Gier getriebene völlig moralfreie Parallelgesellschaft wird von Helge Schmidt packend, entlarvend, humorvoll und künstlerisch stimmig auf die Bühne gebracht. An einer kleinen Bühne, dem Lichthoftheater Hamburg, wird mit dieser Aufführung so maßstabsetzende interdisziplinäre Arbeit geleistet.

Darsteller*in Schauspiel 

Das Ensemble hat sich mit „Dionysos Stadt“ auf eine außerordentliche Theaterreise begeben. Der vielstündige Theatermarathon zeichnet sich durch eine ungewöhnlich intensive Ensemblearbeit aus. In diesem Zusammenspiel überzeugt Maja Beckmann mit einer überwältigenden Darstellung und einer großen Verwandlungsfähigkeit. Wir zeichnen die berührende Maja Beckmann aus, der gemeinsam mit den Spieler*innen dieser intensiven, klugen und großartigen Produktion ein einzigartiger Theaterrausch gelingt.

Choreografie
Soviel Gelassenheit kann nur eine Großmeisterin wie Anna Teresa de Keersmaeker choreografieren: Die international und mit viel Mitteln produzierten „Sechs Brandenburgischen Konzerte“ leben von ihrer Fülle an Tänzern, die nicht im Einzelnen ihre Virtuosität demonstrieren, sondern sich dem Eins-Sein hingeben trotzdem sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Einfallsreichtum zu immer wieder unterschiedlichen Konstellationen und eine durchgängig bewegte Musikinterpretation (mit live Orchester) entwickeln eine Sog-Wirkung, der man sich nicht entziehen kann.

Darsteller*in Tanz
Mit Marlúcia do Amaral wird eine Tänzerin ausgezeichnet, deren außergewöhnliche Physis, Intensität und Kraft man seit vielen Jahren vor allem in Martin Schläpfers Choreografien bewundern kann. Jetzt hat sie sich die eher lyrische „Odette“ in Schwanensee erobert und virtuos interpretiert – eine Ausnahmeerscheinung, die den klassischen Rahmen herausfordert und dabei gewinnt.

Regie Kinder- und Jugendtheater
Birgit Freitag
zeigt mit „FÜR VIER“, wie Tanz im Jugendtheater für vier Menschen zum individuellen Ausdrucksmittel und zur gemeinsamen Sprache werden kann. Das Tanzstück besticht durch die Authentizität und Lässigkeit, mit der zwei Jugendliche und zwei Erwachsene, zwei Männer und zwei Frauen die Frage nach der eigenen Identität verhandeln und ihr jugendliches Publikum dabei vom ersten Moment an auf ihrer Seite wissen.

Bühne Kostüm

Der Bühnenbildner Étienne Plus lässt Vladimir Sorokins unheimliche Landschaften entstehen und lockt den Zuschauer in die perfekte Illusion, wie es sonst nur der Film vermag. Im Erlebnisraum „Violetter Schnee“ offenbaren sich in meisterhaftem Zusammenspiel mit Light- Design (Olaf Freese) und Video (Arian Andiel) die besten Möglichkeiten großer Ausstattungen auf großen Bühnen.

Regie Musiktheater
Elisabeth Stöppler
versteht es, Wagners lange musikalische Wege mitzugehen, lässt gleichzeitig Uneindeutigkeiten und Umdeutungen zu und schafft es, Brutalität ohne Repräsentation jener darzustellen – gerade der Aspekt der „weiblichen Souveränität“ wird hiervon sehr berührt. Mit Klimawandel und sozialer Vereinsamung wird das thematische Triptychon dieser besonderen Inszenierung vervollständigt und bekommt dadurch eine ungeahnte Relevanz und Schärfe.

Sängerdarsteller
Johannes Martin Kränzle
ist einer der ganz großen Sängerdarsteller, seine außerordentliche Kunst wird weltweit geschätzt. In der Frankfurter Produktion von Janaceks „Aus einem Totenhaus” zeigt er als gefesselter Frauenmörder Šiškov die ganze Intensität seiner stimmlichen und darstellerischen Gestaltung.

Perspektivpreis 2019 

Ausgehend vom Körper und seinen Bewegungen kann der zeitgenössische Tanz gesellschaftliche Zusammenhänge und Fragestellungen ganz unmittelbar sichtbar und individuell erlebbar machen. Mit „explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum“ wurde im Förderprogramm Tanzpakt Stadt-Land-Bund ein auf drei Jahre angelegtes Projekt geschaffen, das dazu einlädt für und mit Kindern und Jugendlichen die Kunstform Tanz in all ihrer Vielfalt zu entdecken. Mit neuen künstlerischen Vermittlungsformen wird zeitgenössischer Tanz in hoher Qualität hautnah erlebt, indem Probenprozesse geöffnet und innovative Formen und Modelle in Bühnenproduktionen, mobilen Stücken in Klassenzimmern oder im öffentlichen Raum von etablierten Choreografen und Choreografinnen entwickelt und erprobt werden. Damit leistet das Projekt auch einen wichtigen zweifachen Beitrag zur kulturellen Bildung, indem es jungen Menschen einerseits den Zugang zu zeitgenössischem Tanz als künstlerischer Ausdrucksform bahnt und sie andererseits dazu ermächtigt, zu selbstbewussten Zuschauer*innen des Tanzes zu werden.

Einzigartig und modellhaft ist auch die trilateral bundesländerübergreifende Kooperation in diesem Projekt, die Geld und Kompetenzen bündelt und die Wirksamkeit des Projekts erhöht: „explore dance“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass der Kulturföderalismus keine Barriere ist, sondern eine großartige Chance, wenn sie nur planvoll, mutig und engagiert ergriffen wird. Potsdam, München und Hamburg haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam mit fabrik moves Potsdam, Fokus Tanz München und K3 | Tanzplan Hamburg den zeitgenössischen Tanz für Kinder und Jugendliche zu öffnen und als künstlerische Erfahrung erlebbar zu machen. Die Grenzen zwischen künstlerischen Prozessen und Kultureller Bildung werden fließend, verschwinden sogar ganz: Alles ist organischer Teil der Idee, des unmittelbaren Erlebens und damit des gesamten Projektes. Durch diese besondere künstlerische – wie organisatorisch herausfordernde Kooperation wird eine strukturelle Entwicklung von Tanz ermöglicht, die Herzen, Köpfe und Körper gleichermaßen erreicht.

Lebenswerk 

Roberto Ciulli wird in diesem Jahr mit dem Preis für das Lebenswerk ausgezeichnet. Mit Ciulli ehren die Veranstalter einen Theatermacher, der laut Jury wie kein anderer für eine offene und diverse Gesellschaft steht. „Seit fast vierzig Jahren schafft es Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr in Mülheim – als Leiter, Regisseur und Schauspieler – sich immer weiter zu entwickeln, mit Humor, Menschenkenntnis, Ernst und Liebe. Italienische Commedia und Clownerie verbinden sich in seinem Schaffen mit großen europäischen Stoffen und der Sympathie für Schwache und Unterdrückte“, so die Jurybegründung.

Deutscher Theaterpreis "Faust 2019" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Roberto Ciulli wurde 1934 in Mailand geboren. Er schloss sein Studium der Philosophie an den Universitäten von Mailand und Pavia mit einer Promotion über Hegel ab. Mit 26 Jahren gründete er in einem Mailänder Randbezirk das Zelttheater Il Globo. Seine Theaterarbeit in Deutschland begann er am Deutschen Theater in Göttingen, wo er von 1965 bis 1972 zunächst als Regieassistent, dann als Regisseur arbeitete. Er inszenierte in Berlin und Düsseldorf und war von 1972 bis 1979 Schauspieldirektor am Schauspiel Köln. 1980 gründete er zusammen mit dem Dramaturgen Helmut Schäfer (und dem Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben) das Mülheimer Theater an der Ruhr.

Schon lange hat sich das Theater der internationalen Kulturarbeit verpflichtet. Es sucht und fördert die multikulturelle Begegnung, gastiert regelmäßig im Ausland und holt ausländische Theaterensembles nach Mülheim an der Ruhr. Für sein politisches und interkulturelles Engagement wurde Ciulli mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.