Landshut – „Edgar“ – eine inszenierte Lesung in den Landshuter Kammerspielen

Theaterkritik von "Edgar", Geschichten von Edgar Allen Poe präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de
©Christine Vincon
Mit mikroskopischer Erzählfreude beginnen Ansätze psychotischer Charaktereigenschaften wie im Delirium eines Rausches ein unerwartetes Eigenleben zu entwickeln, das immer grauselig endet. 
Zwischen Dichter und fiktiver Figur werden weiße Kreise zu Projektionsflächen für des Dichters Phantasien, die befüllt mit witzig animierten Comics die  Geschichten illustrieren und in unsere Zeit transponieren (Bühne/Video Martin Müller).  
„Dreamland“  singt Luisa Eberth, wie alle weiteren Songs zauberhaft einfühlsame  Eigenkompositionen zu sieben Gedichten Edgar Allen Poes, womit sie „Edgars“ Höhenflüge über die Regionen der Gebirge hinweg in luftige  Himmelshöhen und deren tödlichen Abstürze in einem halben Dutzend Geschichten untermalt und interpretiert. 
Von der Liebe zur Liebsten, die der Mann, von ihrer Schönheit betört, im Turm eingeschlossen so lange malt, bis sie tot umkippt, spannt sich der narrative Bogen immer noch eine Spur abstruser bis zur alten Lady, die von den Zeigern der Turmuhr durchstochen wird. Doch in jeder Geschichte steckt eine tiefsinnige Botschaft. Sind wir nicht alle Opfer der Schönheitsideale  und der Zeit?
Matthias Eberth liest nicht nur Poes Texte, er spielt die Rolle des mit seinen Hirngespinsten ringenden Dichters, dessen wild bewegtes, oft alkoholisiertes  Leben den Erfahrungsschatz für seine skurrilen Geschichten lieferte. Durch Matthias Eberths dynamischen Sprachgestus, seine markante  Stimmlagen, expressive  Mimik und Gestik gewinnen die Texte über ein Hörspiel weit hinaus eine hochdramatische Bühnenwirksamkeit, karikiert durch die animierten Projektionen und poetisiert durch die wunderbar auratische Präsenz Luisa Eberths mit ihren zwischen den Epochen oszillierenden Songs und expressiven Stimmlagen. Sie schmeichelt, flüstert, koloriert und röhrt, setzt am Klavier dissonante Effekte und lässt die Lieder wie vom Wind verweht ausklingen. 
Das ist ein gelungner Abend, der die Sprache und Handlungsmotive einer vergangenen Epoche neu aufstrahlen lässt, die latenten archetypischen  Handlungsmuster entdeckt und sie subtil mit unserer Zeit verknüpft. 
Michaela Schabel