Berlin „Tanz im August“  Ballet de l`Opéra de Lyon „Trois Grandes Fugues“ 

schabel-kultur-blog-de. präsentiert Tanzkritik Berlin "Trois Grandes Fugues"

Interessant ist die Tatsache, dass ausgerechnet Lucinda Childs, mit ihrer Version von 2016 zum klassischen Tanz zurückkehrt und als Musik eine Orchesterversion wählt. Ihre Choreographie  strahlt zu Beginn des Festivals wie eine Hommage an Ballett und perfekte Bühnenästhetik. Sie bringt als einzige die lyrischen Momente dieser Musik zum Funkeln. Ein filigraner Kubus mit raffinierten Schatteneffekten schafft eine verspielt ornamentale Atmosphäre. Die Kostüme, Bodys in nude und  taubenblau unterstreichen die Körperästhetik. Sechs Tanzpaare finden sich nach dem bedrohlich heftigen ersten Phrase trotz der wiederkehrenden schroffen Variationen in fröhlicher, Ausgelassenheit. Subtil zur Musik oszillieren die Paare in unterschiedlichen Stimmungslagen und Konstellationen zwischen Ballettposen und Modern-Dance-Streckungen, traditionellen Schrittkombinationen, raffinierten Drehungen, die Frauen unter den Achseln gefasst oder den Rücken des Mannes hinabrutschend.  Synchron, gegeneinander oder diagonal versetzt entstehen immer neue Muster jugendlichen Verliebtseins adäquat zur Musik in inniger Zweisamkeit oder fulminant alle zusammen im finalen Allegro

Anne Teresa De Keersmaekers Version für sechs Männer und zwei Frauen in Anzügen mit weißen Hemden Karriere typisiert kaum unterscheidbar  bilden den puren Kontrakt. Mit akrobatischer Wucht rennen, springen, fliegen und fallen die Körper zu Boden. Hier oszilliert das Leben zwischen narzistisch befreienden Höhenflügen und gleichzeitigen Abstürzen durch Hektik und Stress. Jeder verfolgt strikt seine eigenen Ziele, kontaktlos zu anderen. Aber kaum zu Boden gesunken, sind die Tänzer  wieder schwungvoll in der Senkrechten. Wie Stehaufmännchen kämpfen sie energetisch, Karriere euphorisiert gegen die Schwerkraft des Lebens. Zeit für Ruhe ist diesen Wesen fremd. Wird die Musik lyrisch, ruht der Tanz in seitlichen  Reihen, verständnislose Blicke signalisieren, es ist kein Raum für lyrische Empfindungen.

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©Stofleth

In dieselbe Richtung choreografiert Maguy Marin das Beethoven-Quartett. Reduziert auf vier Frauen in Rot werden hier  Hektik und Beziehungslosigkeit im Alltag in immer wiederkehrenden Bewegungsmotiven zur bedrückenden Bürde. Gerade Tanzlinien verstärken die Beziehungslosigkeit. Der Tanzstil ist lässig, mit hohen Spreizsprüngen, Klatschperkussion, rhythmischen Keuchen und einigen Breaks. Suchende Hände finden keine Halt, die Abwehr unter der Gürtellinie, eingeknickte Haltungen visualisieren sexuelle  Ausbeutung. Immer öfter sinken die Frauen zu Boden, können nicht mehr aufstehen, nur noch  erschöpft bis zum Knock Out vorwärts robben.

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©Stofleth

So variiert „Trois Grandes Fugues“  unterschiedliche Lebensstile und Lebensgefühle als Entwicklungsphasen des Tanzes, vom sanften Aufbrechen der klassischen Ballettästhetik traditionellen Kunstempfindens über euphorisches Karrierestreben bis zu expressiven Alltagsbewegungen.

Das ist nicht spektakulär, aber konzeptionell sehr klug, adäquat zum Kompositionsmodell der Fuge arrangiert.

Michaela Schabel