Landshut – Verdis „Nabucco“ bei den Burgenfestspielen des Landestheater Niederbayerns

Opernkritik "Nabucco" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Fulminant war die Besetzung der Hauptrollen. Jede Stimme verzauberte durch individuelles Timbre, leidenschaftliche Expression, durch und durch voller Italianita. Kyung Chun Kim gibt einen vortrefflichen Nabucco ab. Kraftvoll, kalt als Eroberer, hybrid als Herrscher, völlig zerstört im Wahnsinn und geläutert durch Einsicht, ein liebender Vater, entwickelt er sängerisch und schauspielerisch ein authentisches Porträt Nabuccos. Seine Charakterzüge und seine Traumata, spiegeln sich in seiner Tochter Abigaille. Nabucco fühlt sich von seinen Töchtern zurückgesetzt, Abigaille von Männern, als sie erfährt, dass Ismaele ihre Schwester Fenena liebt und sie nur eine illegitime Tochter des Vaters ist.

Mit Hyunju Park wird Abigaille zur machtbesessenen Rivalin. Mit ihrem extrem großen Tonspektrum zeichnet sie Abigaille souverän in ihren leidenschaftlichen Facetten. Von Anfang an ganz in Gold, mit Stiefeln, legt sie deren  Machtavancen offen. Aus hauchdünnem  Höhenpiano attackiert sie in rasenden Crescendi schrill, koloriert hinab in abgründige Tiefen dieser Figur, die wie Nabucco gekrönt, entthront, einsichtig wird. Herzensrein klingt ihre großartige Abschiedsarie schon wie von einer anderen Welt.

Ganz anders berührt Marlene Lichtenberg, die wegen Erkrankung Sabine Noacks kurzfristig eingesprungen ist, als Fenena, die zweite Tochter Nabuccos, durch ihren durchglühten Mezzosopran. Aus Liebe zu Ismaele, dem Neffen des jüdischen Königs, konvertiert Fenena zum Judentum. Wie Balsam verströmt  Marlene Lichtenberg diese Erdung durch Liebe und Glaube in ihren kurzen Partien, denen man viel länger zuhören möchte.

Das gilt genauso für Heeyun Choi als Zaccaria, dem Hohepriester der Hebräer. Sein Bass lässt alle Wunden menschlicher Verletzungen vergessen, ist stimmlich Verheißung für das hebräische Volk und berührendes Erlebnis für die Zuhörer.

©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

©Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Jeffrey Nardone überzeugt  als Ismaele mit seinem geschmeidig kraftvollem Tenor.  Getragen von diesen großen Stimmen bekommt der Chor, in den vielfältigen Passagen größtenteils rustikaler Ausdruck kollektiver Ängste, in den fulminanten Tutti wunderschöne Akzente.

Unter der musikalischen Leitung von Basil H. E. Coleman gelingt im Prantlgarten trotz der schwierigen akustischen Bedingungen ein wunderbar ausgewogenes Klangbild, demgegenüber einige technische wetterbedingte Störungen belanglos erscheinen. Die Niederbayerische Philharmonie brilliert durch expressive Dynamik ohne die Sänger zu überlagern, beeindruckt durch lyrische Soli der Querflöte, Oboe, Streicher und Celli.

Regisseurin Sarah Kohrs vertraut der Musik, inszeniert konservativ statisch, meist rampenorientiert unter Ausnutzung der Spannungskraft der Diagonale. Nabuccos heroische Eroberung durch die Steinmauer bleibt der einzige Effekt neben dem symbolischen Auf- und Abbauen der Mauersteine, womit sie den Chor  handlungsmäßig einbaut, dessen Untergruppen sich farbsymbolisch unterscheiden.

Bühne und Kostüme (Monika Gora) vermitteln die sich verändernden Machtprozesse. Silberstangen und die  Farbe Gold als Hintergrund, Ausdruck der Macht, markieren  den Palast, Abigailles Kleider ihre zunehmende Dominanz und Geltungssucht.  Endlich auf dem Thron, zeugen dessen filigrane Golddekorationen über Abigailles Kopf hinweg wie Lauschfühler ihres Kontrollwahns. Diese kleinen Effekte, vor allem Gestik und Mimik, Timbre der Sänger  lassen Verdis Oper als das erscheinen, was sie ist. Großartig!

Michaela Schabel