Berlin – Staatsoper – Uraufführung von Rameaus lyrischer Oper „Hippolyte et Aricie“

Opernkritik "Hippolyte und Aricie" präsentiert schabel-kultur-blog.de

Es sind diese großartigen Lichtinstallationen, Projektionen und Kostüme Olafur Eliassons, die in Rameaus pompöser Barockoper „Hippolyte et Aricie“  den kosmischen Mythos entdecken und die Uraufführung als Fusion von moderner Technik und existentiellen Theater erleben lassen und gleichzeitig an die barocke Unterhaltungsgigantonomie spiegeln.

Opernkritik "Hippolyte et Aricies" präsentiert schabel-kultur-blog.de

©Karl und Monika Forster

Zwei Paare Phèdre, Hippolyte und Aricie, Thésée und Phèdre erfahren die Macht der Götter. Die Menschen sich nichts anderes als Marionetten der Götter. Sie bestimmen, wer wen liebt, wer wen bekommt. Ganz im Stil der französischen Oper gibt es nach Verwirrungen zumindest ein Happyend von Hippolyte und Aricies.Interessant ist die Oper musikalisch, weil Rameau im Gegensatz zu seinem Vorbild Lully sehr innovativ komponierte, die gesangliche Dichte intensivierte eigene Szenen für den Chor schuf,  neue Tonalitäten  wagte, die heute zwar nicht mehr auffallen, aber in damaliger Zeit dissonant und verstörend wirkten. Dennoch wurde Rameaus erste Oper „Hippolyte et Aricie“, die der  gegen viele Widerstände 1733 als bereits 50-jähriger Kirchenmusiker inszenieren durfte, ein künstlerisches und gesellschaftliches Ereignis. Von den insgesamt drei Fassungen wurde für die Berliner Uraufführung die  dritte von 1757 mit einzelnen Passagen aus der ersten  ausgewählt.

Ein künstlerisches Ereignis ist auch diese anlässlich der Berliner Barock-Festspieltage. Unter der musikalischen Leitung von Sir Simon Rattle bringt das renommierte Freiburger Barockorchester das große Klangspektrum Rameaus zwischen  wuchtigen Naturphänomen und leidenschaftlicher Liebeserklärungen voll zur Wirkung. Klangschön korrespondieren Soloinstrumente, insbesondere Piccoloflöten, Oboen und Fagotte mit den Kantilenen der Sänger und des Chors.

Sehr ausgewogen besetzt glänzt das Ensemble in allen Rollen, passen die Timbres in den Duetten wunderbar zusammen. Furios, voller Leidenschaft, hochdramatisch Magdalena Kožená als Phèdre und Oyula Orendt als Thésée, weicher, mit innigem Feuer das Titelpaar mit  Anna Prohaska und Reinoud Van Mechelen, rollenadäquat dominant und gebieterisch die Stimmen der Götterwelt mit Peter Rose (Pluton) und Elsa Dreisig (Diane).

Durch die kluge Regie und Choreographie von Aletta Collins werden Musik Bühne und Tanz zum Gesamtkunstwerk. Die obligatorischen Tanzeinlagen wachsen über ihren Divertissement-Funktion hinaus und verdichten die Handlung durch die Expression moderner Tanzbewegungen, intensivieren die Licht- und Spiegeleffekte durch getanzte Emotionalität. Die Sänger bleiben dagegen sehr statisch im Bannkreis der Götter, die wie Gestirne im All funkeln.

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©Karl und Monika Forster

Wenn Menschenköpfe über den Nebeln schweben, drängen sich Assoziationen mit Becketts „Endspiel“ auf, und gleichzeitig, bedingt durch die Farben der Optimismus einer besseren Welt. Das ist konzeptionell großartig und in jeder Beziehung ein kulturelles Ereignis.

Michaela Schabel