François Ozon „Peter von Kant“

Eröffnunge Berlinale mit "Peter von Kant" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Peter von Kant ©Internationale Filmfestspiele Berlin, Carole Bethuel/​FOZ

Schritt für Schritt geht Fassbinder, das Filmgenie, vor die Hunde. Immer wieder leidenschaftlich verliebt und immer wieder verlassen, durchlebt er als Peter von Kant permanent eine Achterbahn der Gefühle. Er träumt von der Freiheit der Liebe und manipuliert als Starregisseur am längeren Hebel sitzend jede neue Liebe. Liebe im Tausch gegen Karriere ist zeitlos aktuell, zeigt aber in Ozons Version adäquat Fassbinders Film und Vita die Unfähigkeit der Menschen wirklich zu lieben, ohne zu fordern. Das Gegenteil ist der Fall. Mit dem Song „Each Man Kills The Things He Loves“ klingt das Leitmotiv der grundlegenden Problematik schon zu Filmbeginn an.

Wie im Theater wollte Regisseur François Ozon einen bekannten Film noch einmal neu inszenieren. Dass es so gut gelungen ist, liegt vor allem an Denis Ménochet. Ansonsten meist nur in Nebenrollen zu sehen zeigt er mit dieser Titelrolle ein beeindruckendes Debüt als Charakterschauspieler, das Fassbinder optisch und charakterlich sehr nahe kommt. Mit seinen Blicken weiß er Fassbinders geschundene Seele zwischen Liebeseuphorie, Sehnsucht nach Zärtlichkeit, aber auch seine grenzenlose Traurigkeit zu vermitteln. Berührende, zuweilen auch sanft ironische, durchaus liebenswürdige Szenen entstehen durch die Wahl seiner Kleidung, wenn er in bayerischer kurzer Lederhose immer mehr von Amir abdriftet, er ganz unvermittelt allein auf der Eckbank isst, die so gar nicht ins ansonsten so gestylte Ambiente passt, wenn er sich angesichts Amirs perfekten Körpers nackt seiner Fülle schämend in eine Felldecke hüllt oder sich ganz in Weiß am Geburtstag wie zu einer Hochzeit schick macht, immer noch in der vergeblichen Hoffnung, dass Amir zurückkehrt. So rabiat, dominant und aggressiv Ménochets Fassbinder auch sein muss, ganz schnell blitzt doch immer wieder die leidende Seele auf. 

Das pure Gegenteil bringt Isabelle Adjani als Ex-Geliebte ein. Glatt und schön ist sie die perfekte Abziehfolie eines Hollywoodstars. Jeder ihrer Auftritte bringt das Ambiente schwül-dunkler Farben zum Glitzern, was aber die ganze Geschichte etwas ins Banale zieht. Raffiniert unterschiebt sie Amir, wie sich später herausstellt ihr Lover, Peter von Kant wie ein Kuckuckskind, sehr wohl wissend, dass er sich in ihn verlieben und  ihn als Star aufbauen wird. Kein Wunder bei Khalil Gharbias Charme. Er spielt zunächst die Rolle des jungenhaften Adonis mit naiver Laszivität. Doch schnell ändern sich die Dominanzen und Fassbinder ist  Amirs Launen ausgeliefert, wird ausgenutzt und verlassen, was seinen Alkohol- und Kokslevel bis zum Tobsuchtsanfall und völligen Knockout steigert.

Und bei all den Wechselbädern der Gefühle schmachtet einer immer einsam wie ein Hund in höflicher Entfernung, beobachtet aus verschatteten blauen Augen die Liebesspiele, die ihm selbst verwehrt bleiben. Es ist Karl, der Diener, der seinen Herrn zu vergöttern scheint. Ohne ein Wort zu sagen avanciert Stefan Crepon zur zweiten Hauptrolle und hinterfragt das Geschehen wortlos aus der Distanz des Voyeurs. Er erträgt verschmähte Liebe mit Haltung und Noblesse und überrascht am Schluss mit einer Geste, die niemand erwartet. 

Hanna Schygulla in der Rolle der Mutter wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, ist ebenfalls doppelte Metapher. Von Fassbinder einst abgehängt, darf sie ihn jetzt mit „Schlaf Kindlein schlaf“ beruhigen und die Liebe in Demut ohne zu fordern symbolisieren. Klug konzipiert, hat „Peter von Kant“ für Fassbinder-Kenner schon einiges zu bieten.