Wien – „Hundertwasser – Schiele. Imagine Tomorrow“ im Leopold Theater 

Friedensreich Hundertwasser, 224 Le grand chemin, St. Mandé/Seine, 1955 © Belvedere, Wien © 2019 Namida AG, Glarus, Schweiz

Friedensreich Hundertwasser, 224 Le grand chemin, St. Mandé/Seine, 1955 © Belvedere, Wien © 2019 Namida AG, Glarus, Schweiz

Schiele war für Hundertwasser das große Vorbild. Als 20-jähriger entdeckte er als Akademiestudent über Ausstellungen und Bücher die Kunst Schieles, der wegen seiner Strichführung, Flächengliederung und seines tonalen Kolorits in der Kunstszene schon ein Begriff war. An Schieles Zeichnungen schulte Hundertwasser autodidaktisch sein eigenes zeichnerisches Können. Formalästhetisch und motivlich entstanden sichtbare Übereinstimmungen, zumal sich Hundertwasser von Schieles anthromorphisierender Auffassung von gebauter Umwelt sehr beeindrucken ließ. 

Humorvoll propagierte Hundertwasser 1965 mit „Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schiele“ seinen Lieblingskünstler, mit dessen Bildreproduktionen Hundertwasser ein Leben lang seine Wohn- und Arbeitsräume in Venedig und Neuseeland verschönerte. 

Friedensreich Hundertwasser  „Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles“ Lugano, 1965 © Die Hundertwasser Gemeinnützige Privatstiftung, Wien Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

In einem poetischen Text von 1951 schrieb Hundertwasser „Ich liebe Schiele“ und bekannte „Ich träume oft wie Schiele, mein Vater, von Blumen, die rot sind, und Vögeln und fliegenden Fischen und Gärten in Samt und Smaragdgrün und Menschen, die weinend in Rotgelb und Meerblau gehen.“

Wie stark die Wahlverwandtschaft ist,  beweist Kurator Robert Fleck durch 170 Exponate aus österreichischen und internationalen Sammlungen,  teilweise aus bislang noch nicht veröffentlichen Archiven, darunter überaus gelungene Gegenüberstellungen. Frappierend sind Maldynamik und Habitus in den Selbstporträts dieser beiden renommierten Künstlerpersönlichkeiten, die sich im Leben nicht kennenlernen konnten. 

Friedensreich Hundertwasser  „Selbstbildnis, Marrakesch“ 1951 © Die Hundertwasser gemeinnützige Privatstiftung, Wien

Egon Schiele „Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter“ 1912 © Leopold Museum, Wien Foto: Leopold Museum

Die architektonischen Elemente dicht gedrängt von Schieles „Der Häuserbogen II“ (1915) entdeckt man in ländlicher Landschaft vereinzelt in Hundertwassers „Almhütten auf grünem Platz“ (1951), freilich viel bunter und lebensfröhlicher.

Friedensreich Hundertwasser „Almhütten auf grünem Platz“ 1951 © Die Hundertwasser Gemeinnützige Privatstiftung, Wien Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

Im Vergleich zu Schieles beseelter „Waldandacht“ (1915) aus der Frontalperspektive wirkt Hundertwassers „Le jardin des morts heureux“ (1953), vogelperspektivisch gemalt, formalästhetisch ganz anders, doch hier ist  die motivliche Ähnlichkeit das verbindende Element.

Friedensreich Hundertwasser „Le jardin des morts heureux“ © Privatsammlung © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

EGON-SCHIELE-„Waldandacht“-II-1915-©-Kunsthaus-Zug-Stiftung-Sammlung-Kamm-Foto-Kunsthaus-Zug-Alfred-Frommenwiler.jpg

Egon Schiele„Waldandacht“ II,  1915 © Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm, Foto: Kunsthaus Zug, Alfred Frommenwiler

Diese hochkarätige Ausstellung mit interessanter Horizonterweiterung ist nach der Quarantäne noch bis Ende August 2020 im Leopold Museum zu sehen.