Regensburg – Ausstellung „Wie Bayern zum Freistaat wurde und was ihn so besonders macht.“ im neuen Museum der Bayerischen Geschichte

Haus der Bayerischen Geschichte präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Michaela Schabel

Unter dem gefalteten Dach wird das Foyer zwischen den beiden Baukörpern Museum und Bavariathek durch eine 700 Quadratmeter große Stahl-Glas-Konstruktion in 17 Metern überspannt und gleichzeitig eine neue Blickachse zwischen Altstadt und Donau eröffnet. Mit dem Foyer, dem 360-Grad-Panorama, dem großen teilbaren Donausaal für Sonderausstellungen und Veranstaltungen, dem Museumsladen und Wirtshaus bietet das Erdgeschoss viele Attraktionen.

Wächter des Foyers, symbolisch für ganz Bayern, und Blickfang ist der bayerische Löwe.

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Schon auf den Fassadenplakaten durchkreuzt der bayerische Löwe auf weißem Hintergrund  mit  ornamental blauem B für Bayern selbstbewusst architektonische Ästhetik und zelebriert, vor sich ein Menschlein als Marionette, seine Macht. Eine eindeutige Botschaft!

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© Haus der Bayerischen Geschichte, Entwurf Peter Schmidt Group München, unter Verwendung folgender Motive: Augsburger Puppenkiste © Augsburger Puppenkiste ® Foto: Elmar Herr; Further Drache © Tourist-Information Furth im Wald

Mit Humor und Selbstironie, mit Fakten und Geschichten, mit Kunst und Kitsch will das Museum für Bayerns Geschichte begeistern. Trotz anspruchsvollen Leitprofils drängt sich der Unterhaltungsanspruch in den Vordergrund. Ob es gelingt, werden die Besucherzahlen nach dem Eröffnungs-Hype zeigen.

Über Rolltreppe oder Lift kommt man zur Dauerausstellung im ersten Stock. Dort bieten zwei Brücken und ein Fenster zum Foyer markante Ausblicke, insbesondere das 80 Quadratmeter große Fenster mit Blick auf Altstadt und die Türme des Doms.

Gezeigt wird in der Dauerausstellung in neun Kapiteln bzw. „neun Generationen“  auf 2500 Quadratmetern „Die bayerische Geschichte von 1800 bis in die Gegenwart“, wie Bayern zum Freistaat wurde und was es so besonders macht. Auf dem Weg vom Königreich zur  Nation wird auf das Königsdrama Ludwigs II fokussiert. Zwischen 1874 und 1900 wird Bayern zum Mythos, nach dem Ersten Weltkrieg zum Freistaat. Der Diktatur und der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs folgt der Neubeginn mit Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Nach den Wendejahren bleibt die Frage, was die Zukunft bestimmt.

Multimedial, zwischen wertvollen Exponaten wie der goldenen Märchenkutsche Ludwigs II und Alltagsgegenständen unterschiedlichster Herkunft erlebt der Besucher eine Zeitreise über 1000 Exponate, gesammelt aus ganz Bayern, durch Kitsch als Kunst mit ironischer Distanz.

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Fast ein Drittel der Ausstellungsstücke stammt von Bürgern. „Wir sind ein Bürgermuseum“, bekennt Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte freimütig.

Überzeugend sind vor allem die großzügigen Exponat-Ensembles, die die prägenden Ereignisse der bayerischen Geschichte erzählen. In atmosphärischen Revolutionsszenen wird Bayerns Kampf um die Freiheit nachvollziehbar. Pompös präsentieren die Porträts der Könige monarchische Macht, warum Bayern eine wirtschaftliche Erfolgsstory wurde, was Bayern mit Chicago verbindet, wie Landleben früher aussah,  Hitler in München groß wurde, Gastarbeiter Bayern veränderten und bayerische Autos während des Wirtschaftswunders nach Süden zu rollen begannen. Manches wird nur als nostalgischer Effekt in Erinnerung gerufen, beispielsweise die Rolle der Gastarbeiter über  den ersten Eiswagen des Italieners Guiseppe Guarino in Grafenau oder die Demonstrationstransparente gegen die Atomaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Dafür kommt vis-a-vis umso facettenreicher medial die Staatsgewalt in Form von Franz Josef Strauß zu Wort.

Begleittexte informieren und hinterfragen die Klischees, die sich in den acht Kulturkabinetten zwischen Lederhose und  Laptop selbstironisch präsentieren, was Bayern ausmacht. „Sam ma mir no mia?“, was oft natürlich nur noch ein Bayer wirklich versteht.

Fragwürdig sind die interaktiven digitalen Schaltflächen, denn sie offerieren teilweise nur die Stereotypie und Oberflächlichkeit der medial aufbereiteten Informationen. Das Tablet über der physischen Karte Bayerns zeigt die Wappen der Gemeinden und ihren standardisierten Steckbrief, Spielerei doch kein Erkenntnisgewinn.

Je kleinteiliger die Ausstellung desto musealer, beliebiger und effekthaschender wirkt sie. Ausgestopfte Tiere inklusive Wolpertinger, Sammelvitrinen mit Ilse Aigner und Markus Schröder als Marionetten a la Augsburger Puppenkiste, die gesamte Bayern-Elf im Telekomhemd neben dem Neuschwansteinmodell spiegeln das Kuriosum Bayern, das man mit einer großen Portion Humor wohl tatsächlich am besten fasst. Ob Klischees durchbrochen oder aufgebaut werden, das ist die große Frage.

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360-Grad-Panorama

Eine weitere visuelle Attraktion ist das 360-Grad-Panorama im Foyer.  Kabarettist Christian Springer und Moderator Christoph Süß, der in über 40 Rollen schlüpft, zeigen vor dem großartig animierten Regensburger Stadtbild mit Stadtmauer, ohne Dom „Was davor geschah: Quer durch die bayerische Geschichte“ von 100 bis 1800.

Was noch kommt

Vom 27. September 2019 bis 8. März 2020 wird die erste Sonderausstellung,  „Hundert Schätze aus 1000 Jahren“ zu sehen sein. Wenn die Bauarbeiten in der Bavariathek, die sich wegen eines Brandes 2017 verlängerten, 2020 abgeschlossen sind, bietet diese „digitale Werkbank  des Museums“ zusätzliche flexible Projekt- und Studioräume. Mit modernster Medientechnik, Bildarchiv und Bibliothek ausgestattet können interessierte Gruppen digital und interaktiv lernen oder Materialien ordern.

Imposant ist das neue Haus der Bayerischen Geschichte. Aus der Luftperspektive ein graues Gegengewicht zum Dom im Kontrast zu der roten  Dächerlandschaft der Regensburger Altstadt dazwischen. Mit der Freitreppe zur Donau hin wurde aus einem staubigen Parkplatz ein einladender Stadtplatz. In vier Jahren Bauzeit entstand für mehr als 88 Millionen Euro nach den Plänen der Architekten Wörner Traxler Richter aus Frankfurt am Main ein Museum, das sich jeglicher Kritik im Vorfeld zum Trotz in schlichter Reduktion in die Silhouette am Rand des UNESCO-Weltkulturerbe einfügt.

Unter dem dem gefalteten Dach wird das Foyer zwischen den beiden Baukörpern Museum und Bavariathek durch eine 700 Quadratmeter große Stahl-Glas-Konstruktion in 17 Meter überspannt und gleichzeitig eine neue Blickachse zwischen Altstadt und Donau eröffnet. Mit dem Foyer, dem 360-Grad-Panorama, dem großen teilbaren Donausaal für Sonderausstellungen und Veranstaltungen, dem Museumsladen und Wirtshaus bietet das Erdgeschoss viele Aktivitäten.

Wächter des Foyers, symbolisch für ganz Bayern, und Blickfang ist ein der bayerische Löwe, der schon auf den Fassadenplakaten auf weißem Hintergrund  mit  ornamental blauem B für Bayern selbstbewusst architektonische Ästhetik durchkreuzt und vor sich ein Menschlein als Marionette seine Macht zelebriert. Eine eindeutige Botschaft!

Mit Humor und Selbstironie, mit Fakten und Geschichten, mit Kunst und Kitsch will das Museum für Bayerns Geschichte begeistern. Trotz anspruchsvollen Leitprofils drängt sich der Unterhaltungsanspruch in den Vordergrund. Ob es gelingt, werden die Besucherzahlen nach dem Eröffnungs-Hype zeigen.