Insel Föhr/Alkerum – Zwei Ausstellungen über Meer und Küste „Seestücke. Von der Romantik bis zur Klassischen Moderne“ und „See. Fakten und Vision“ im Museum Kunst der Westküste

„Igloo 2 (Invasion)“ Charles Pétillon (2013) ©Courtesy Galerie Danysz

 

Was ständig in Bewegung ist festzuhalten, ist für manche Künstler ein ganz besonderes Faszinosum und wurde je nach Kunstepoche sehr unterschiedlich dargestellt. „Seestücke. Von der Romantik bis zur Klassischen Moderne“ zeigt die stilprägenden Elemente der Epochen, Gemälde von 28 Künstlern darunter auch Werke von  Edvard Munch, Max Beckmann, Thomas Feanley und Johan Christian Dahl.

„Seestück, n. d.“, Thomas Fearnley © Lukas Spörl

 

Der norwegische Maler Johan Christian Dahl beispielsweise orientierte sich stark an der Wirklichkeit. Mit seiner realistischen Sicht auf die Gefahren der See beeinflusste er eine Vielzahl norwegischer und deutscher Maler. Mit der wachsenden Beliebtheit von Küsten und Stränden als Orten der Erholung und Inspiration rückten abgelegene Regionen in den Fokus wie die Spitze Nordjütlands mit ihrem scheinbar unendlich langen Sandstrand, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen. 

Die Maler jener Skagener Künstlerkolonie fanden hier zu einer sehr eigenständigen Bildsprache  als Resultat ihrer Auseinandersetzung mit den damals aktuellsten realistischen und impressionistischen Strömungen, die sich in Frankreich entfalteten. 

Die Vertreter der Klassischen Moderne wiederum beschworen mit dem Motiv Meer oftmals einen Ort, an den der Betrachter immer wieder sehnsuchtsvoll zurückkehren möchte. Im Expressionismus lösten sich die Künstler dann vom Naturvorbild und fanden zu einer sehr subjektiven Bildsprache, die das Meer zur Metapher ihrer inneren Befindlichkeiten werden ließ. Für Max Beckmann etwa wurde es zum Symbol der Ewigkeit.

„Strandlandschaft bei beginnender Flut“, Max Beckmann (1904)
© Lukas Spörl

 

Von allen Landschaften hat sich das Meer scheinbar am wenigsten verändert, doch die Wahrnehmung wandelt sich. In „Seestücke. Fakten und Fiktion“ gelingt dem Berliner Kurator Harald F. Theiss mit 23 internationalen Positionen, Gemälden, Skulpturen, Fotoarbeiten, Videos und Installationen sehr geschickt die aktuellen Entwicklungen der Wahrnehmung und Deutung des Meeres in Bezug zur traditionellen Darstellung zu setzen. 

Peitscht der Mensch die Gischt wie bei  Julius von Bismarck (*1983), dann entsteht eine irritierende Verfremdung, die im Vertrauten plötzlich eine ganz neue Bedeutung entdeckt. Das Bild bindet an das traditionelle Motiv sturmgepeitscher See an und suggeriert gleichzeitig den lächerlichen Einfluss menschlicher Dominanz.

„Punishment #7“ Julius von Bismarck (2011) © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

 

Der bezaubernde Blick auf das Meer weitet sich zur komplexen Beobachtung, was auf, unter, mit dem Meer passiert, welche Auswirkung der menschliche Lebensstil auf das maritime Ökosystem hat, wie Charles Pétillon dies als riesige Plastikwolke über dem Meer darstellt,  und wie sich das Meer, Sehnsuchtsort für Freiheit und Erholung zum gesellschaftspolitischen Drama als Brücken- bzw. Grenzraum der Migrationsströme wandelt.

„Le Bélvèdere Tanger“ Yto Barrada (2001) ©Courtesy Galerie Polaris, Paris

 

Zu sehen sind Arbeiten von Angelika Arendt, Jessica Backhaus, Yto Barrada, Julius von Bismarck, Laurence Bonvin, Astrid Busch, Yvon Chabrowski, Lia Darjes, Sven Drühl, Simon Faithfull, Christine de la Garenne, Eva Grubinger, Moritz Hirsch, Inka & Niclas, Tobias Kappel, Jochen Lempert, Christian Niccoli, Charles Pétillon, Sheila Rock, Miguel Rothschild, Nasan Tur, Sascha Weidner, Rebecca Wilton.

Die Ausstellung, entstanden in enger Zusammenarbeit mit der Alfred Erhardt Stiftung in Berlin, ist nach der Quarantäne bis Januar 2021 zu sehen.