Berlin – „No Photos on the Dancefloor! Berlin 1989-Today“ – Ausstellung im C/O über die Berliner Technoszene

…junge Hausbesetzer vereinnahmten nach der Wende die  heruntergekommenen leere Räumlichkeiten im Osten Berlins. Eine neue Club- und Kulturszene entstand.

Techno ist zwar nicht Berlin entstanden, aber mit der  Ausstellung „No Photos on the Dancefloor!“ dokumentiert das C/O Berlin über Fotografien, Videos, Installationen wie Berliner Clubs wie  „Ufo“,  „Tresor“ und „Planet“ aus der Retrospektive zu„Urknall und Wegbereitung für die bislang letzte große europäische Jugendkultur“ wurden.

Der zweite Hype kam um die Jahrtausendwende. Die billigen Flugangebote belebten den Wochenend-Clubtrip nach Berlin international. Clubs wie „Bar 25“, „Watergate“ und „Berghain“ wurden zu den Hochburgen der Techno-Partys, Magnet für Künstler, Labelbetreiber, Partyveranstalter und Partygänger mit vielen Impulsen für Berlin, ein Prozess, der immer noch anhält.

Beides umfasst die Ausstellung „No Photos on the Dancefloor! Berlin 1989-Today“, wobei der Titel der Ausstellung gleichzeitig die Besonderheit der Berliner Clubszene als Paradoxon in den Vordergrund stellt. In anderen Metropolen ist das Fotografieren in Clubs erlaubt. In Berlin nicht. Wer tanzt, soll sich ungestört und unbeobachtet fühlen, ohne dass man wenige Sekunden später durch die sozialen Medien gepostet wird.  Ganz in der Musik aufgehen ist die Devise, das  tun, was man tatsächlich tun will. Clubs wirken hier wie Schutzräume.

Dass trotzdem jetzt eine Fotoausstellung kuratiert werden konnte, hängt zum einen mit der Entwicklung der Fotografie zusammen.  Die fotodokumentarische Beleuchtung der Anfangsphase  basiert noch vorwiegend auf alten analogen Fotos. Die Gegenüberstellungen von Außenfassaden und Innenräumen am Tag und den effektvollen Veränderungen nachts verdeutlicht die spannungsreiche Diskrepanz beider Welten, die  sich in Serien mit erotischen Rotlichteffekten noch intensiviert.

Alle Fotografien, Videos und Installationen über Clubkünstler oder Clubbesucher waren nur möglich, weil die Fotografen selbst zur Szene gehören.

Ausstellung "No Fotos on the Dancefloor" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Sven Marquardt

Auftritte wurden  in Absprache live fotografiert und gefilmt oder Backstage neutralisiert. Die gestochen scharfen Porträts von Sven Marquardts, präsentiert als Foto-Kubus  in einer  Black Box mit Musik von DJ Marcel Dettmann,  entstanden als Studioarbeiten. Die Porträts zeigen extrem unterschiedliche Menschen, oft sehr schrille Persönlichkeiten, radikal in der Selbstdarstellung, ganz fertig auf Droge oder spiritueller Reise, meist  mit stechend klarem Blick in die Kamera und extremem Körperbewusstsein, mitunter Individuen, hinter denen sich zwei Seiten verbergen, rechtsradikal, bürgerlich, abgedriftet, ein extrem breites soziales Spektrum.

In einem Video-Interview erklärt Kirsten Krüger ihren „KitKatClub“ als sozial-kulturelles Experiment. Clubbesucher ziehen hier ihre Klamotten aus, legen damit gleichzeitig ihre Statussymbole und soziale Zuordnung ab. Nacktsein bedeutet Freisein, sich anders bewegen,  anders zu handeln als gewohnt.

Im große Ausstellungsraum des C/O Berlin flimmert die Video-Collage  „Techno-Wiking“  mit Comic-animierten Techno-Helden über neun  Projektionsflächen. In vier Schaukästen untermauern  die Clubflyer das enorme Angebot in Berlin.  An einigen Abenden wird dieser Raum als  Dancefloor zum Kunstevent für „Lost in Music“ bis drei Uhr morgens. Zur Ausstellung ist eine ausführliche Publikation erschienen.

Bis 30. November 2019