Berlin –  „Micro Era. Medienkunst aus China“ – Ausstellung im Berliner Kulturforum

Ausstellung "Micro Era.Medienkunst aus China" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Lu Yang

Auf zwei Ebenen präsentieren vier chinesische Künstler*innen ihre großräumigen Arbeiten größtenteils aus den letzten vier Jahren. Sehr geschickt  konzipiert von einem chinesisch-deutschen Kuratorenteam fusionieren die Arbeiten zu einer kritischen Analyse hinter den Kulissen der politischen Propaganda und  den wissenschaftlich-ökonomischen Manipulationstrategien. Man taucht ein in die imperialistischen Machtstrukturen Chinas, mit denen die Welt en gros und der Mensch im Detail beherrscht werden sollen.

„Micro Era. Medienkunst aus China“ ist keine Ausstellung, die man im Vorbeigehen konsumieren kann. Die großformatigen Videos bedürfen der Zeit. Je mehr man sich auf sie einlässt, umso betroffener machen sie.

Historisch, mit einer Zwei-Kanal-Videoinstallation Fang Dis (1987) beginnt „Micro Era“ mit  trommelnden und tanzenden  dunkelhäutigen Ureinwohnern. Ihr Lachen signalisiert Freiheit, ein Leben in der eigenen Mitte und Kultur. Doch das scheint in Anbetracht des zweiten Videos bereits als mögliche Fassade, wenn in  „Minister“, ein Repräsentant des überaus rigiden und korrupten  Systems Papua-Neuguineas  überquillt, wie „safe & sound“, sicher und intakt, das Land sei, wie stark sich Port Moresby South nicht zuletzt durch die intensive chinesische Unterstützung  entwickelt habe, ohne einen einzigen Gedanken an  Chinas strategischenAufbau seines internationalen Handels- und Verkehrsnetzes unter seinen Bedingungen.

Ein Ring, 18 Karat  Gold wertvoll, solitär in einem Schrein wie ein Heiligtum,  antikes Zeichen der Macht symbolisiert den Weg Chinas zur Weltmacht Nr. 1  mit 75 % weit vorangeschritten, aber noch nicht ganz erreicht.

Wie die Zukunft aussehen wird, konzipiert Cao Fei (1978) mit „Asia One“.

Ausstellung "Micro Era.Medienkunst aus China" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Cao Fei

Der Mensch degradiert zum einsamen Kontrolleur in riesigen Verpackungshallen, permanent kontrolliert über  seine Brille oder begleitet und beobachtet von einem Roboter. Kontaktlos, trostlos verschattet, depressiv der  Blick rasten zwei Werktätige voneinander isoliert aus, träumen von einer nächtlichen Tanzparty, in der TänzerInnen die Produktionsanlagen erobern und von einer goldglänzenden Packstation, einem Gewirr von Achterbahnen unter blauem Himmel, in dem wenigstens  die Päckchen frei in die Luft fliegen.

In „11.11.“  fokussiert Cao Fei auf Chinas gigantische Warenwelt des alltäglichen Bedarfs. In gigantischen Warenhäusern, kann man alles kaufen, aber „first scan, then enter“, damit auch alle Daten erfasst und verwertet werden könnnen.

Das Untergeschoss entpuppt sich als Manipulations- Horrorspektakel, eine Mischung   grellbunter Phantasy-Videos,  deren Helden durch wissenschaftliche Manipulationen entwickelt und geklont werden. Huxleys Welt lässt Grüßen aus der Sicht der chinesischen Künstlerin LuYang (1984), die zum ersten Mal ihre Werk in einem so großen Zusammenhang in elf Kabinetten zeigt,  teilweise  in der Farbästhetik und mimischen Exaltiertheit der chinesischen Oper und japanischen Mangas

„Welcome to LuYangs Hell“  lockt sie den  Betrachter in Bilder-Höllen transkranielle Magnetstimulation, die um traditionellem Buddhismus, Technoreligionen, Cyberfeminismus, Wissenschaftsglaube und posthumane Lebensformen kreisen und sich in diesem Kontext  zu Metaphern wissenschaftlich lancierter politischer Manipulation verdichten. Die Hölle beginnt mit „Uterus Man“, dessen Feuerkraft der Hände  erst durch vaginale Energie initiert wird, weitet sich durch Veränderungen des Limbischen Systems und der DNS  zu beliebig geklonten Menschen bis zu sechsarmigen Lebewesen buddhistischer Spiritualität  und endet mit Teenies, die sich für Experimente mit  Elektroschocktherapien zur Verfügung stellen, um sich in ihre Starvorbilder zu verwandeln, dabei Verträge unterschreiben, deren Bedeutung hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen sie in ihrem jugendlichen Leichtsinn einfach ignorieren. Wichtig ist nur auf der Leinwand als Star zu strahlen.

©Lu Yang

Nach dieser Farb-Orgie erschließen sich auch Zhang Peilis (1957) karg sperrige, etwas ältere Mehr-Kanal-Installationen von 1988-1998. Scheinbar harmlose Filme über  Körperhygiene vom Nägelputzen bis zur Rasur gewinnen unter dem Aspekt der Überwachung politische Sprengkraft. Kein Wunder, dass bei „30 x 30“ Juckreiz entsteht, dass  Kratzen in Serie  auf mehreren Monitoren so tief greift, dass die Haut blutet. Degradiert Chinas ökonomische Entwicklung zur Folter des Individuums? „Micro Era“ gibt eine klare Antwort.

Im Kulturforum Berlin bis 26.Januar 2019 zu sehen.