Passau – „Georg Philipp Wörlen Retrospektive“ im Museum Moderner Kunst Wörlein, Passau

Ausstellung "Georg Philipp Wörlein" in Passau präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Selbstporträt“ Georg Philipp Wörlen (1950) ©Michaela Schabel

In dunklen Brauntönen malte Georg Philipp Wörlen in seiner Jugend sein ländliches Umfeld. Karg und arm erscheint dieses Leben oder bürgerlich geordnet, aber die Farbigkeit signalisiert Geborgenheit. Der Blick führt hinaus ins Helle, macht Hoffnung.

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©Michaela Schabel 

In fröhlich bunten Aquarellfarben strahlen Dillinger Stadtansichten in flirrender Sommerhitze. Komponier- und Stilisierungübungen dazwischen erinnern an Georg Philipp Wörlens Tätigkeit als Restaurator. Florale Motive ordnet er symmetrisch an oder umrahmt damit figurale Motive.  

Als Soldat zeichnet er 1918 postkartenklein narrative Bilder von der Front. Es sind keine Schreckensmotive. Ein Soldat auf einem dünnen Bogenstrich über einen Schützengraben balancierend ist „Das Glück“ schlechthin.

Bei den pastellfarbenen Gouachen von der Ostfront fokussiert Wörlen auf Land und Leute. Trotz der Präsenz von Soldaten bleibt alles friedlich. 1919 werden die Bilder dynamischer und expressiver. Beeinflusst von den „Blauen Reitern“ malt auch Wörlen die Pferde blau  und rot. Die Tierkörper lösen sich aber nicht so stark in kubistische Flächen auf. Wörlens „Golgatha“ wird zum expressiven Schrei als Symbol für die weltliche Apokalypse. Nach dem ersten Weltkrieg folgt eine Hinwendung zu narrativen Holzschnitten. 1923 visualisiert er mit künstlerischen Mitteln die herrschende „Vergnügungssucht“, „Die Opfer falscher Wissenschaft“ und „Falsche Regierende“.

Als Mitglied der Künstlergruppe „Der Fels“ entstehen zwischen 1920 und 1927  sehr plastische Frauenakte und rücken in den Mittelpunkt der Ausstellung. Den Blick leicht gesenkt, Profil-, Hals-, Busenlinie durch eine Lichtaura erhellt, entwickeln die Frauen fast in renaissancehafter Grazie oder in üppiger Fülle trotz nachdenklicher Haltung eine ungewöhnlich sinnliche Ausstrahlung.

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©Michaela Schabel

Wörlens  Naturbilder wirken wie die „Häuser im Winter“ in naiv plastischer Haptik, als würden jeden Moment die Schneehauben von den Dächern rutschen.

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©Michaela Schabel

In den „Sizilianischen Landschaften“ ballt sich mediterrane Energie in überdimensionierten Pflanzen oder Wellen. Ein „Baumwurzelwesen“ verdichtet sich zum expressiven Fabelwesen. Umgekehrt werden Wald und die Strukturen des Passauer Doms zu abstrakten Farb-Form-Spielen. 

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Auf die neue Sachlichkeit reagiert Wörlen mit der Darstellung von christlichen Motiven in zunehmender Monumentalität. Auslöser war ein Großauftrag für eine Krankenhauskapelle. Studiert man die Gesichter der Jünger Jesu, fällt auf, dass Wörlein oft Gesichtszüge von sich selbst, seiner Frau und seinen Freunden einfließen ließ.  

©Michaela Schabel

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©Michaela Schabel

Mit Hitlers Machtergreifung übernimmt Wörlen nationalsozialistische Motive. 1935 tritt er in die NSDAP ein. Seine Hitler-Porträts sind verschollen, nur die Postkarten der Adolf-Hitler-Lithografie, die Wörlen für „Das Neue Deutschland“ anfertigte, sind noch erhalten. Das „Schlageter-Kreuz“, ein Denkmal in Passau für den Vorreiter der NSDAP, ist in unterschiedlichen Variationen zu sehen. Eine Autobahnbrücke in hell strahlendem Umfeld dokumentiert die Werktätigen in einem etwas klobigen Realismus im Arbeitsprozess Wörlens Streben um Anerkennung. Sogar ein Hakenkreuz lässt er statt der Sonne über der Veste Oberhaus und einem ziemlich kitschigen lendenbeschürzten Jüngling wie einen Heilsverkünder salbungsvoll aufgehen. Trotzdem wurde seine Kunst von der NSDAP als entartet eingestuft. Dass er sich in dieser Zeit nicht  janusköpfig, sondern dreiköpfig porträtiert, optisch gleich, doch aus unterschiedlichen Perspektiven, verweist auf seine innere Zersplitterung in dieser Lebensphase, in der vor allem  seine bombastischen Landschaften im Blau-Braun-Oliv-Dreiklang und die ausladende Plastizität seiner Formen, die seine Bilder so charakterisieren, zum Stilmittel werden. 

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©Michaela Schabel

Die deformierten Ansichten der Passauer Innenstadt mit kleinen Figuren verdichten sich zu Parabeln kafkaesker Vereinsamung. 

In der Nachkriegszeit als Mitläufer eingestuft, findet er über die „Wald-Donau-Gruppe“ 1947 einen Neubeginn und besinnt sich auf seine einstige expressiv-kubische Formensprache. Natur und Wald bleiben wichtige Motive, zersplittern aber und verwandeln sich zu völlig abstrakten Kompositionen aus geometrischen Figuren, die ineinandergreifen und sich durch kontrastreiche Farbgebung voneinander abheben.

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©Michaela Schabel

Aus dieser Phase stammt auch sein letztes Selbstbildnis von 1950. Zu sehen ist die Ausstellung bis 4. Oktober im Museum für Moderne Kunst in Passau.